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Der Aberglaube ist tief verankert in der Kultur Aserbaidschans. Doch wieviel Wahrheit steckt in der Wahrsagerei? Eine erschreckende Erfahrung in der Glitzerstadt Baku – am eigenen Leib .

Aufgeregt zwitschernd fliegen Spatzen durch die Luft. Vereinzelt sitzen verliebte Pärchen im Schatten. Unter einem Baum kaut ein Zigarettenverkäufer gedankenverloren auf einem Strohhalm. Sonst ist im Hafenviertel von Baku kaum Bewegung zu erkennen. Es ist 15 Uhr in Aserbaidschans Hauptstadt Baku, ein heißer Spätsommertag. Wer schlau ist, der geht um diese Uhrzeit erst gar nicht vor die Haustüre.

Aserbaidschan, und vor allem Baku, hat in den letzten Jahrzehnten eine starke Veränderung durchgemacht, den brennenden Erdgasquellen sei Dank. Wie Pilze schießen Neubauten aus dem Boden. Mit der modernen Veranstaltungsarena Crystal Hall, den ikonischen Flame Towers und dem eleganten Kulturzentrum Heydar Aliyev Center reiht sich ein architektonisches Meisterwerk ans andere. Auf Letzteres sind die Einheimischen besonders stolz, entstand es doch nach dem Entwurf der jüngst verstorbenen irakisch-britischen Stararchitektin Zaha Hadid. Kein Zweifel, das Stadtbild Bakus hat eine strahlende Zukunft vor sich. Und doch hält auch das einstige Handelszentrum an der Seidenstraße an seinen Traditionen fest – so auch am Aberglauben.Baku-Aserbaidschan-AltstadtBaku-Aserbaidschan-Heydar-Aliyev-Center-Zaha-HadidWir treffen Adilja an der Uferpromenade, die so ausgestorben ist, wie sonst wohl nur an Ramadan. Mit kurzen aber kräftigen Schritten bahnt sie sich ihren Weg hinauf aus dem U-Bahn-Schacht. Die alte Dame hat sicher schon einige Jahre auf dem Buckel und das zeigt nicht nur ihre gebückte Körperhaltung. Tiefe Falten durchziehen ihr sonnengegerbtes Gesicht. Von der Vorstellung einer mystischen Frau mit Glasauge, Kristallkugel und einer dicken Warze im Gesicht muss man sich aber leider verabschieden. Ihre Haare versteckt sie unter einem glitzernden Kopftuch, modisch abgestimmt auf ein langes, gestreiftes Kleid.

Vom Feigenbaum ins Herz der Glitzerstadt Baku

Eine gewisse Aura kann man ihr nicht absprechen. Im Gegenteil, auch ohne sie je zuvor gesehen zu haben, glaubt man sie schon von weitem zu erkennen. Vor allem ihr verschmitztes Grinsen ist ihrem Gang meilenweit voraus. Zumindest ihre eigene Zukunft scheint rosig zu sein.

Adilja ist Wahrsagerin und das war sie wohl schon zu Zeiten, als Baku noch nicht glitzerte. Normalerweise geht sie ihrem so traditionsreichen Geschäft jedoch nicht hier in der Hauptstadt nach, sondern am knapp 90 Kilometer entfernten Berg Beshbarmag, dem sagenumwobenen Fünffingerberg. Dem heimischen Schatten des alten Feigenbaums sei sie nur ungern entflohen, teilt sie uns mit und erreicht damit zumindest, dass sich erste Gewissensbisse breitmachen. Ahmet, unser Dolmetscher, hatte sie persönlich nach Baku eingeladen, was für sie eine beschwerliche Anreise mit dem Überlandbus und der Metro bedeutete. Man kann nur hoffen, dass dies keinen Einfluss auf unsere Zukunft nimmt.Baku-Aserbaidschan-WahrsagerinZur Begrüßung und zu unserer Verwunderung verteilt sie dicke Schmatzer auf die Wangen aller Anwesenden. Dann spazieren wir ein paar Meter entlang der Promenade. Unwillkürlich passen wir unseren Gang dem der alten Frau an. Ahmet übersetzt unsere ersten Annäherungsversuche und ist dabei sichtlich nervös. Ob sie einen guten Tag hätte, wollen wir von Adilja wissen. Ja, das habe sie. Auch bedanken wir uns anständig für ihr kommen. Dann werden die Themen spitzer. Für die 68-jährige ist das Wahrsagen nie nur ihr Beruf gewesen, sondern eine Berufung und Gabe, die ihr schon in Kindestagen in die Wiege gelegt wurde, verkündet sie stolz. Nämlich von keinem geringeren als dem Propheten Mohammed, der ihr im Traum erschienen ist. Seither arbeiten sie Hand in Hand. Schließlich ist ihre Wahrsagerei nicht aus der Luft gegriffen. Eine Überzeugung, die sie mit einem überaus wissenden Lächeln garniert, wie eine Hochzeitstorte mit einer zuckersüßen Sauerkirsche. Dieses Lächeln soll sich nicht zum letzten Mal während unseres Treffens zwischen ihren Falten breitmachen.

Menschenkenntnis ohne den Menschen zu kennen

Die rüstige Dame lässt sich auf einer Bank nieder und lädt uns mit einem wohlwollenden Nicken dazu ein, es ihr gleich zu tun. Ahmet jedoch bleibt neben uns stehen, sichtlich darauf konzentriert, seiner Übersetzertätigkeit möglichst genau nachzugehen. Zuerst will sie meinen Namen erfahren: Ich war schon als Kind besonders begabt, meint Adilja. Auch wartet eine lange Reise auf mich, ebenso wie eine schöne Freundin und auch eine Heirat. Darüber hinaus habe ich einen guten und starken Charakter, lobt sie mich. Ich versuche immer alles selbst zu machen.Baku-Aserbaidschan-Flame_TowersAls nächstes liegt sie mit einer Annahme falsch, als sie behauptet, ich mache viel Sport. Immer mehr sehe ich im Aberglauben eher das Aber als den Glauben. Trotzdem lausche ich weiter ihren Worten und den hektischen Übersetzungen Ahmets. Und dann, wie aus dem Nichts geschossen, macht sie eine Aussage, die mich starr vor Schreck werden lässt. Als Kind habe ich mal im Meer gebadet, aber das sei schwierig für mich gewesen, mutmaßt die alte Frau und erwischt mich damit an meiner Achillesferse. Denn tatsächlich, als kleiner Junge war ich einmal dem Ertrinken nahe, damals 1989 im Familienurlaub in Spanien. Beim Baden fiel ich in ein tiefes Loch im Meeresboden, das mich als kleinen Burschen wie ein Strudel in sich hinein zu saugen drohte. Nur meinem Vater war es zu verdanken, dass ich ohne Schaden davongekommen bin – abgesehen von dem Schock, durch den ich dieses weit zurückliegende Ereignis bis heute nicht vergessen konnte. Ich bin baff. Woher weiß die alte Frau von diesem frühen Kapitel meines Lebens? Nirgendwo steht es geschrieben. Nie habe ich jemandem auch nur davon erzählt. Mir wird etwas mulmig zumute. Die Wahrsagerin scheint meine Unsicherheit zu spüren, so ungläubig muss ich sie in diesem Moment ansehen. Am Höhepunkt ihres Triumphes angekommen, verweigert sie sich allen weiteren Fragen. Dem Blick in die rosige Zukunft folgte eine kleine Retrospektive in die Vergangenheit. Das war’s. Gedankenverloren hülle ich mich in Schweigen.

Ein Blick in die Zukunft Bakus?

Wir machen uns auf den Weg zurück, die Promenade entlang. Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Allmählich füllen sich auch wieder die Straßen mit Autos und Spaziergängern und mit ihnen gesellt sich hier und da wieder herzliches Gelächter zum hektischen Gezwitscher der Spatzen. Einsam funkeln die Flame Towers über Baku, als wir die Metrostation erreichen. Wieder gibt es eine Umarmung und einen Schmatzer auf die Wange. Diesmal wirkt er jedoch vertraulicher. Ob sie die Zukunft von Aserbaidschan voraussagen könne, frage ich sie noch beim Abschied. Und wie so oft wandern ihre Mundwinkel auch jetzt in die Höhe, bis es wieder zu sehen ist: ihr ganz besonderes, verschmitztes Grinsen. Dann verschwindet Adilja, die Wahrsagerin von Baku, allmählich im Untergrund der Glitzerstadt.Baku-Aserbaidschan-U-Bahn

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Die Reise wurde unterstützt vom Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Aserbaidschan. Weitere Aserbaidschan Reisetipps lassen sich im Travellers Archive finde. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Rapoarte și fotografii foarte frumoase! Un început foarte reușit.

  2. Lieber Clemens,
    ich weiß noch wie Du geschmunzelt hast bei diesen Worten „lange Reise und eine schöne Freundin“ und was ist heute???
    Wenn ich ein weiß, ich werde definitv nochmal in den Kaukasus zurück kehren.
    Ganz liebe Grüsse sendet Euch Dani

  3. Pingback: Rundreise Aserbaidschan: Ein Land zwischen Aufbruch und Stillstand

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