Lovina Tipps: Eine Delfintour in Lovina ist ein fragwürdiger Ausflug.

Der Norden von Bali ist bekannt für seine Delfine. Auf schnittigen Holzkähnen geht es im Morgengrauen auf’s Meer, den Tieren hinterher. Für das eine Erinnerungsfoto wird alles gegeben. Ein skurriles Schaulaufen beginnt, das an eine Jagd erinnert.

Die Nacht liegt über Bali wie ein schwarzer Teppich. Es ist stockdunkel, als das Fischerboot vom Strand ablegt. Nur die leichten Schattierungen am Horizont lassen die Umrisse eines Berges erkennen. Noch ist das Meer still.

Gequält heult der Motor auf und reißt eine undurchsichtige Wunde in die Stille der balinesischen Nacht. Im Rhythmus eines alten Traktors, der seine beste Zeit längst hinter sich hat, tuckern wir auf einem alten Holzkahn auf das offene Meer nördlich von Lovina. Das kleine Hafenstädtchen liegt an der Nordküste der indonesischen Insel Bali. Unser Ziel: Delfine gucken. Unser Plan: kein Plan. Die geschickten Handgriffe des einheimischen Bootsführers wähnen uns aber zuversichtlich. Irgendwo da draußen müssen sie ja schließlich sein, geht es uns durch den Kopf, während der Blick über die erschreckend dunkle Wasseroberfläche gleitet. Glatt ist sie. Von Wellengang keine Spur. Von Delfinen noch viel weniger.

Rund zehn Minuten lang fahren wir aufs Meer hinaus, stets in Richtung Norden. Irgendwann würden wir wohl in Borneo stranden, geht es uns durch den Kopf. Das laute Getöse des Motors berauscht besonders in den frühen Morgenstunden und lässt die Gedanken fliegen. Dabei merken wir gar nicht, wie sich hinter uns allmählich der Himmel von der Küste abhebt. Erst färbt er sich hellblau, dann orange. Dann, mit einem Mal, spüren wir die Sonne im Gesicht. Der Tag beginnt. Es ist der allererste Sonnenstrahl an diesem Morgen und es wird nicht der letzte sein. Denn in Lovina beginnt ein Tag meist wie jeder andere: mit Sonnenschein. Schon die schwache Morgensonne weiß die menschlichen Körper zu wärmen und mit jeder Minute wandern auch die Mundwinkel nach oben. Jetzt fehlen nur noch die Delfine.Indonesien-Reisetipps-Lovina

Lovina Tipps: Eine Delfintour in Lovina ist ein fragwürdiger Ausflug.Unser Bootsführer heißt Kadek. Nur mit einem blauen T-Shirt bekleidet steuert er sein Gefährt über das Wasser. Leicht zerschlissen ist es und über die Zeit ausgewaschen von den salzigen Spritzern des Meersalzes. „They are here,…“ versichert uns Kadek auf Englisch, die eine Hand fest am Ruder, die andere um den Stängel seiner Nelkenzigarette gedrückt. “Somewhere”, ergänzt er und dabei huscht ein wissendes Lächeln über sein Gesicht. Wer seinen Blicken folgt, der sieht den Fünfzigjährigen beinahe durch die Wasseroberfläche luken. Die Worte die seinen Mund verlassen, kommen in dem für Indonesier so typischen Akzent daher, einer der immer irgendwie niedlich klingt.

Die Ruhe vor dem Sturm: Im Norden Balis ist nicht viel los

Eine Delfintour in Lovina gehört für viele zu einem Urlaub auf Bali dazu. Während man im touristisch erschlossenen Süden rund um die Touristenhochburgen Kuta und Seminyak wohl kaum Delfine zu Gesicht bekommt, gilt der Norden noch als fast unangetasteter Teil der Götterinsel und im Gegensatz zu den seit Jahren so angesagten Urlaubsorten wie Canggu und Medewi ist der Indische Ozean hier im Norden von Bali nicht aufgewühlt. Gute Surfbedingungen findet man in diesem Teil der indonesischen Insel vergeblich. Stattdessen ist das Meer ruhig und zahm. Ein perfekter Lebensraum für Delfine.

Plötzlich herrscht helle Aufregung: Haben wir da eben einen Delfinrücken erspäht? Tatsächlich, zwei Tiere gleiten durchs seichte Nass. Wie gemalt sehen sie aus. „Da, noch einer!“ Jetzt taucht ein Delfin auf der anderen Seite des Fischerbootes auf. Wieder schrecken wir auf und drehen uns im Effekt ruckartig um, so sehr, dass die Jolle nur so schaukelt. Seemann Kadek scheint das schon erwartet zu haben. Er hält mit dem Ruder dagegen. Schließlich weiß er genau, wie sich die Touristen hier in seinem Revier verhalten – und in dem der Delfine.

Wir fahren weiter. Nicht irgendwohin, sondern dem Delfin hinterher. Natürlich geschieht das mit vollem Karacho. Der Motor heult auf, schlagartig fahren wir nach vorne. Unentspannter kann eine Bootstour nicht sein.Lovina Tipps: Eine Delfintour in Lovina ist ein fragwürdiger Ausflug.

Lovina Tipps: Eine Delfintour in Lovina ist ein fragwürdiger Ausflug.Dann stoppt Kadek abrupt. Nämlich genau in dem Moment, in dem der Delfin wieder unter der Wasseroberfläche verschwindet. Wieder beginnt das Warten, der Motorenlärm erlischt. Unsere hellwachen Gesichter suchen das Meer ab, in alle Himmelsrichtungen wird gespäht, was das Zeug hält. Was wir jedoch erblicken, sind erst einmal keine Delfine mehr. Stattdessen weitere Fischerboote mit noch mehr Touristen. Von verschiedenen Orten an der Küste fahren sie auf uns zu. Genau dahin, wo eben noch so viel Aufruhr war. Dahin, wo die Action war. Das Motorendröhnen ist nun allgegenwärtig und wird mit jedem Meter, den die anderen näher kommen, lauter und lauter. Kein Wunder, dass die Tiere Reißaus nehmen, geht es uns durch den Kopf.

Noch scheint die nahende Armada an Booten die Delfine aber nicht abzuschrecken. Im Gegenteil, da, wieder ein Delfinschwarm! Rücken für Rücken tauchen die beweglichen Säugetiere plötzlich über dem Wasser auf und gleiten in einer Bewegung wieder hinab, die dynamischer nicht sein könnte. Von allen Seiten werden auf den Kuttern sofort dicke Kameras gezückt. Die Boote schwanken im Takte der sich hin und her bewegenden Gaffer. Klick! Klick! Klick! Die Delfine müssen sich vorkommen wie Superstars. „Da, ich hab ein Wahnsinnsfoto geschossen!“, gibt ein junger Australier in ausgelatschten Flip-Flops mit seinem neuesten Schnappschuss an. Dabei dreht er das Display seiner Spiegelreflexkamera in die Richtung seiner Mitfahrer, stolz wie Bolle. Die Delfine aber sind längst wieder unterwasser. Das Spiel beginnt von vorn.

Kaum tauchen die Delfine irgendwo wieder auf, werden auch die Motoren wieder angeschmissen. Sofort rast eine ganze Flotte an Fischerbooten auf die Delfine zu. Volle Fahrt voraus! Schließlich will jeder Tourist das ultimative Foto schießen. Doch kaum sind die Zuschauer am Ort des Geschehens angekommen, tauchen die Tiere auch schon wieder ab. Schade, wieder kein Foto. Wieder Stille. Wieder Warten.Lovina Tipps: Eine Delfintour in Lovina ist ein fragwürdiger Ausflug.Allmählich wird uns unwohl in der Magengegend und das liegt nicht unbedingt an der Raserei der Boote. Hat die Szenerie zu Anfang der Delfin Tour in Lovina noch etwas berauschend Schönes an sich, wirkt sie bald makaber und fast etwas bedrohlich. Das Geschehen mutet weniger wie eine Tierbesichtigung an, weniger wie ein Besuch im Reich der Delfine, sondern vielmehr wie eine Hetzjagd. Nur dass der Schuss aus einer Kamera kommt und nicht aus dem Gewehr. Wie Jäger und Gejagte scheuchen die Menschen die Säugetiere in ihrem eigenen Lebensraum vor sich her. Während die anderen auf ihren Booten munter dem Spiel mit den Delfinen nachgehen, wenden wir uns an Kadek. Es reicht uns für heute. Genug gesehen.

Wer auf Bali Delfine sehen möchte, wird zum Jäger

Kadeks verdutzter Blick spricht Bände. Dass seine Passagiere von allen Touristen auf den Fischerbooten als erstes ans Ufer zurückkehren wollen, verstört den indonesischen Kapitän dann doch sichtlich. Er greift zum Ruder. Ein letztes Mal läuft der Motor lauthals zu Hochleistung auf. Wir düsen in Richtung des Strandes von Lovina, der Morgensonne entgegen. Inzwischen hat sie viel an Kraft hinzugewonnen. Verloren in unseren zwiespältigen Gedanken strecken wir ihr unsere Gesichter entgegen. Ob es nun das war, was man gemeinhin unter einer Delfintour versteht oder vielleicht doch vielmehr eine Delfinjagd? Die Frage wird nicht mal vom Fahrtwind aus den Gedanken gepustet. So ganz wollen wir das eben Erlebte dann eben doch nicht hinunter schlucken. Das aufgeregte Geschrei der anderen wird indes vom Röhren unseres Motors verschlungen. Das „Oooh“ und „Aaah“ erlischt irgendwo am Horizont.

Bei den ersten Schritten auf dem noch kalten Sandstrand, blicken wir zurück aufs Meer. Irgendwo da hinten kreisen Fischerboote um Delfine herum, gefolgt von Gelächter und vom Klicken der Kameras und Smartphones. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch je mehr wir unseren Gedanken freien Lauf lassen, desto mehr keimt noch eine ganz andere Idee in uns auf. Denn vielleicht, ganz vielleicht, macht das Jagen und gejagt werden jemandem sogar noch mehr Spaß als den Menschen: den Delfinen selbst. Ein tröstender Gedanke.

Mehr Indonesien Reisetipps gibt’s im ausführlichen Reiseführer.

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Die Reise wurde unterstützt vom Flughafen München  und der Star Alliance. Die Meinung des Autors bleibt davon völlig unangetastet. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

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