Der Brighton Palace Pier ist ein echter Vergnügungspark mit allem drum und dran.

Zwischen Möwengeschrei und Kinderlachen stehen Jack und Linda in der Tür ihres kleinen Fischladens und beobachten das bunte Treiben am Brighton Beach, eben so, wie sie es seit Jahren tun. Auch wenn einiges in der Badewanne Londons nicht mehr so ist, wie früher.

Jack hebt den Blick in den Himmel. Heute ist ein schöner Tag. Über ihm ist alles blau, die Möwen kreisen. Da wo sich der schmale Betonweg durch den Sandstrand schlängelt, ist mal wieder viel los. Zufrieden setzt sich der alte Mann, den Strohhut auf dem Kopf, vor seine kleine Fischerbude. „Passt auf euer Essen auf“, ruft er seinen Gästen zu und lässt seinen Zeigefinger dabei gekonnt und bestimmt von oben nach unten wippen. Das Geschehen vor seiner Tür hat er auch im hohen Alter stets im Blick und das schon seit etlichen Jahren. Zusammen mit seiner Frau Linda betreibt er eine kleine Fischräucherei, mitten am Strand des englischen Bilderbuch-Küstenstädtchens Brighton.

Nach und nach stolpern Einheimische in den unscheinbaren Laden. „Linda and Jack Mills Traditional Fish Smokers“ steht neben dem schmalen Eingang geschrieben. Da weiß man, was man bekommt. Und von wem. Man kennt sich hier in der Gegend. Kleine Restaurants und Pubs verstecken sich in den Bögen der Backsteinbrücke, die die Grenze zwischen der Straße und dem Strand markiert. Die einen kommen auf einen Kaffee oder holen sich nebenan ein Stück Kuchen. Dann verschwinden sie schnell wieder in ihrem eigenen Laden, in dem sie Souvenirs verkaufen oder Überbleibsel aus einer Zeit, in der sich der Alltag von Brighton noch rund um den Fischfang drehte. Die anderen kommen für das hierher, was Linda und Jack in ihrem kleinen, schwarzen Räucherofen gegenüber zaubern. Goldig glänzend und frisch geräuchert landen die Makrelen in warmen Brötchen oder auf Toast und werden mit knackigem Gemüse verziert. Das ist gar nicht mal so traditionell englisch, wenn man bedenkt, dass das Vereinigte Königreich doch geschlossen für das Frittieren von weißem Fisch kämpft. Jack und Linda interessiert das wenig. Die Auswahl in ihrer Theke ist groß, das Angebot thront auf selbstgeschriebenen weißen Tafeln, die Beratung ist schnell und kompetent. Was das Beste des Hauses sei, der absolute Bestseller? „Alles“, antwortet Linda mit einem frechen Grinsen. Eines, das so dezent ist, dass man es fast übersehen könnte.

Brighton Beach: Ein Strand, zwei Gesichter

Hier unten am Brighton Beach ist die Stadt ganz besonders authentisch. Hier bläst der Wind durchs Haar. Hier hüpft Sandkorn für Sandkorn in die Schuhe. Hier wird das Lachen der Besucher bei jedem Sonnenstrahl auf der Nasenspitze breiter und breiter. Hier kreuzen hippe Vorstadt-Londoner die rockigen Rockabillies mit ihren dichten Locken, karierten Röcken und bunten Haaren. Hier rennen die Kinder einer indischen Großfamilie aufgeregt zum blinkenden Karussell, während sich die heimischen Grannies in hübschen Pastellröckchen zum Mittwochs-Spaziergang am Brighton Beach treffen. Und hier am Strand drehen die Sportler zwischen Fish-and-Chips-essenden Touristen ihre Runden, bis sich am späten Nachmittag alle im Pub auf einen Pint auf dem klebrigen Pub-Teppich treffen. All das ist Brighton: bunt, knallig und eigen. Englisch, dörflich und doch eine Stadt.Jack and Linda Mills räuchern schon seit etlichen Jahren ihren Fisch am Brighton Beach.

Am Brighton Beach treffen sich alle: Von Rentnern über Kinder bis hin zu Touristen.

Hier unten versteckt sich aber auch die Geschichte Brightons, die am Meer, geschrieben wurde. Bevor sich der Adel von Wales in der Stadt niederließ, war das kleine Küstenstädtchen nichts anderes, als ein verschlafenes Örtchen an Englands Südküste. Hier fing man Fisch, räucherte und aß ihn. Es war ein Ort, an dem der Anblick eines verknoteten Fischernetzes zum Alltag gehörte und Schietwetter die Norm war. Doch mit dem Adel kam die Noblesse und die baute in Windeseile pastellfarbene Vorstadthäuschen mit Meerblick und eine große Seebrücke für das perfekte Bild, die perfekte Idylle, das perfekte Strandbad.

Heute ist noch viel von dieser Noblesse erhalten. Auch die Puderzuckerhäuschen in rosa, gelb, strahlendem Weiß und mintgrün sind noch da. Nur die Seebrücke, der West Pier, hat sich dramatisch verändert. Aus dem hölzernen Pier mit charakteristisch blau-weiß-gestreiften Strandliegen ist ein verrostetes Gerüst geworden, das, mitten im tosenden Meer nur noch wage an die damalige Zeit erinnert. Auch wird die Kulisse heute nicht mehr vom einst so romantisch blinkenden Riesenrad verschönert. Stattdessen wurde dieses von einer glänzenden Nadel mit dem Namen British Airways i360 abgelöst, die nun wie ein UFO Besucher im Viertelstundentakt auf 173 Meter bringt. Oben steht der Besucher mit einem prickelnden Glas Sekt aus der Region Sussex und blickt hinunter auf das kleine englische Städtchen, das nur knapp eine Stunde von London entfernt ist und doch ganz anders als die große, pulsierende, quirlige und manchmal überfordernde Großstadt ist.

Im Labyrinth von North Laine

Brighton ist klein und fußläufig. In Brighton kennt man sich aus – und das nach nur einem Tag. Die Gassen im Zentrum gleichen einem kleinen Labyrinth, in dem man, wohin man auch läuft, oft wieder da rauskommt, wo man zuvor hineingegangen ist. Verwinkelt und kopfsteingepflastert führen die Brighton Lanes vorbei an schrägen Pub-Häusern, jungen Boutiquen und urigen Vintageläden, die damals ganz sicher schon genau dieselben Klamotten verkauften – auch wenn da noch nicht Vintage waren. Dazu hätte zum Beispiel der Musiker Fatboy Slim gehört, der aus dem Küstenort stammt. Heute erinnern nur noch die bunten, wedelnden Fähnchen in Brightons Bezirk North Laine und der muffige Geruch, der aus den Second-Hand-Läden fliegt, an das Brighton von früher, das noch rockiger, noch verruchter und noch bunter war.Abseits von Brighton Beach kann man in North Laine einen Einblick in das Brighton von früher bekommen.

Abseits von Brighton Beach kann man in North Laine einen Einblick in das Brighton von früher bekommen.

Den heutigen Alltag von Brighton kann man am besten in einem der hippen Cafés, in denen es Flat White zum Carrot Cake gibt und sich die veganen Desserts mit den rohen Desserts einen kleinen Wettkampf um das schönste Icing liefern, beobachten. Von hier kann man sehen, wie die Touristen durch die Gassen spazieren und wie die Einheimischen sich ihr Mittagessen in einem der vielen kleinen Lädchen kaufen. Restaurantketten mögen die Einwohner von Brighton überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Während sich in London die Schlangen vor Kaffeeketten wie Costa oder Starbucks gerne um ganze Wohnblöcke schlängeln, legt man in Brighton Wert auf Lokales: auf kleine Metzgereien, hausgemachte Pommes, Wein aus England und auf den Fisch von Linda und Jack.

London by the sea

Auch sonst fühlt sich Brighton an, wie die kleine Version von London – nur echter, überschaubarer, englischer und verträumter. Am schönsten ist die Stadt in der Stunde vor dem Sonnenuntergang. Wenn die Fahrgeschäfte auf dem Palace Pier langsam zu blinken beginnen, legt sich eine ganz besondere Atmosphäre über das London by the sea. Die einzelnen Glühbirnen des Schriftzugs „Brighton Pier“, der über dem Anfang der breiten Seebrücke thront, glitzern um die Wette. Dazu kommt das Rattern der Spiel-Münzautomaten, die täglich mehrere Pennies schlucken und ganz sicher zahlreiche Schläge aushalten müssen. Übertönt wird das nur noch von dem herrlich unbefangenen Lachen der Kinder, die sich zwischen Achterbahn, Wilde Maus und Autoscooter nicht entscheiden können. Das Jahrmarktgefühl mitten am Meer, wirkt ein wenig, als wäre es aus der Zeit gefallen. Es fühlt sich an, wie ein Stück aus dem Grease-Musical, in dem jeden Moment schicke Chevrolets am Pier vorfahren müssten, am Steuer Männer mit Popperlocke und daneben Frauen mit breitem Pettycoat-Kleid. Der Duft von kandierten Äpfeln verpasst der Atmosphäre noch den letzten Stupser. Brighton, das ist ein bisschen London aus den 70ern, ein bisschen London in echt und ein bisschen Seebad mit Coolness-Faktor.

Mit dem Sonnenuntergang ändert sich die Atmosphäre am Strand. Die Umlandrentner verlassen ihre blau-weiß-gestreiften Liegestühle. Die Cafés schließen und die Pubs drehen die Boxen lauter. Auch Linda und Jack machen ihren Laden zu und kommen erst am nächsten Morgen wieder. Dann, wenn die Möwen aufgeweckt auf den frischen Fisch spähen, den Jack in seinen kleinen Räucherofen hängt. So wie jeden Tag.

Reisetipps und einen Überblick zu den Sehenswürdigkeiten in Brighton gibt’s im Städteguide.

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Die Reise wurde unterstützt von Visit Brighton. Die Meinung des Autors bleibt davon völlig unangetastet. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Wow! Das sind beeindruckend schöne Fotos! Dieser Bericht hat mir richtig Lust gemacht mal wieder nach England zu fahren! 🙂
    Ich danke Dir für den tollen und sehr inspirierenden Artikel. 🙂

    Liebe Grüße aus Berlin

  2. Wow, dein Blog ist einfach ein richtiges Kunstwerk, das hast du so wundervoll geschrieben dass es mich selbst total inspiriert so achtsam und bewusst wie möglich in meine kommende Reise zu starten.. und es natürlich beizubehalten 😀
    Nun nach dem Abi werde ich ab August auch für 365 Tage den Planeten bereisen und ich bin so voller Vorfreude gegenüber all den Herausforderungen und Eindrücken die mich erwarten werden 🙂
    Du hast mich auf jeden Fall als eine neue Leserin dazu gewonnen.
    Liebste Grüße, Lea von http://leachristin.com

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