Kühe und Einwohner leben bei den Dorze in Äthiopien in unmittelbarer Nähe

Tagein, tagaus führt ein rüstiger Rastamann Touristen durch sein Dorf. Vorbei an Elefantenhütten, zum Brotteig-Klopfen und in die Dorfkneipe. Über das Volk der Dorze im Süden Äthiopiens.

Bei jedem Fahrzeug, das uns entgegenkommt, kurbelt Sisay das Fenster nach oben. Der trockene Sand fegt dann wie ein kleiner Wirbelwind gegen das Fenster. Zu trocken ist es hier, zu heiß. Er kennt diese Strecke in- und auswendig. Mehrmals im Jahr fährt er sie ab. Mal mit einem prall gefüllten Auto, mal mit mehreren Autos und mal so wie jetzt, mit zwei, drei Reisenden, die mehr von seinem Land erleben wollen. Dann bringt er sie in den Süden des Landes. Dorthin, wo vieles noch ganz traditionell, ganz einfach und doch ganz bunt ist. Dort, wo Äthiopien noch von denen geführt wird, denen das Land seit jeher gehört. Die Völkergruppen Mursi, Konso oder Dorze – genau dort bringt er uns gerade hin.

Hinter uns liegt das kilometerlange Nichts. Eine Strecke, so gerade und leer, dass es fast etwas abwegig erscheint, hier Menschen besuchen zu wollen. Kleine, verdorrte Büsche und Bäume bilden ab und zu den Kontrast zur sonst so kargen, beigefarbenen Einöde. Nur selten herrscht Gegenverkehr und wenn, dann sind es große Lastwagen, die in die hier ansässigen Fabriken fahren. Sisay schüttelt den Kopf. Jedes Mal, wenn er in dieser Ecke von Äthiopien ist, sieht er mehr von ihnen, dafür aber immer weniger Tiere. Was einst ein unberührtes Land und ein toller Ort war, um Tiere zu beobachten, ist vor Jahren schon in den Fokus chinesischer Investoren gerückt. Jetzt sollen noch mehr Zuckerfabriken und andere riesige Ungetüme hier, in dieser Region Äthiopiens entstehen – einem Teil des Landes, der sogenannten “Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker”. Vielleicht bedeutet dies ein kleiner Aufschwung für die Wirtschaft des ostafrikanischen Landes, vielleicht aber auch ein Stich in das Herz einer Region, die solche Eigenheiten hat, dass man sich fast ein wenig wünscht, sie würde auf immer genau so bleiben, wie sie ist.

Mit Tanz und Gesang auf 2000 Metern über Null

Am Ende der Straße geht es hoch hinaus. Eine steile, staubige Schotterpiste führt kurvig bis nach ganz oben, wo man die Weite des Dachs von Afrika erst so richtig fassen und begreifen kann. Wo es ein wenig grüner ist. Und, wo das Volk der Dorze ihre Heimat gefunden hat. Mit knapp 28.000 Mitgliedern sind die Dorze eine recht kleine ethnische Gruppe Äthiopiens, die im Süden des Landes in den Dörfern rund um Chencha und Arba Minch im Bezirk Semien Omo leben.Ein Besuch im Dorze Dorf in Äthiopien beginnt mit einer langen Fahrt durch das Nichts.

Der Weg zum Dorze Dorf in Äthiopien ist zwar lang, steckt jedoch voller Überraschungen.Sisay geht erst vom Gas, als sich der arme Motor den Berg hinauf gequält hat. Von Weitem hören wir Kinderstimmen. Kurve um Kurve kommen sie näher. Auf knapp 2000 Metern Seehöhe stehen sie plötzlich vor uns: vier nackte Kinder, mit vollständig bemalten Körpern. Der eine komplett in weiß getüncht, die anderen im Zebralook. Sie hüpfen, sie tanzen, sie springen und versuchen so, ein bisschen Geld für sich und die Gemeinschaft einzusammeln. Wir schauen uns die kleine Vorstellung an. Gekonnt sieht sie aus, richtig einstudiert. Sisay kann darüber nur lachen und schüttelt den Kopf. Er kennt die Mädels und Jungs schon von seinen vielen Reisen zum Volk der Dorze. Sie würden immer hier stehen, meint er. Wahrscheinlich, so erklärt er weiter, standen sie schon eine ganze Weile hier oben und haben beobachtet, wie die Reifen unseres Busses eine Staubwolke über die kerzengerade Straße malten, mitten hinein in das Land der Dorze. Alles nur, um dann, als wir endlich da waren, ein bisschen zu zappeln und zu trällern.

Eine Vorstellung, die bestimmt perfekt in das Bild jener passt, die sich den Süden von Äthiopien vorstellen, ohne je da gewesen zu sein: bunt angemalte Menschen, die in kleinen Hütten wohnen und ab und an um ein Feuer tanzen. Feuer haben die Kids nicht, dafür Steine, mit denen sie nach uns werfen. Ein Dankeschön dafür, dass wir ihnen kein Geld gegeben haben.

Auf einem Naturlehrpfad durch die Elefantenhütten der Dorze

Bekannt ist das Volk der Dorze jedoch nicht nur für tanzende Kinder, die Touristengruppen gewitzt für ihr Taschengeld nutzen, sondern für ihre großen, von Hand gefertigten Häuser, die mal an ein Bienennest, mal an das Gesicht eines Elefanten erinnern – und das hat auch einen Grund. Vor etlichen Jahren lebten genau hier in dieser Region Elefanten. Die sind mittlerweile weitergezogen und stapfen jetzt wohl lieber durch Kenia, als durch Äthiopien. Ein schwerer Verlust für die Dorze, doch auch eine Chance, den Tourismus hier wieder ein wenig anzukurbeln. Denn heute haben die Dorze den Elefanten zu einem ihrer Hauptanzugspunkte für Touristen gemacht, indem sie ihre Häuser immer noch in Anlehnung an die Dickhäuter bauen: Zwei Luftlöcher dienen dabei als Augen des Elefantenkopfes, der die Form der knapp 20 Meter großen Hütten vorgibt. Gebaut sind sie aus natürlichen Materialien, wie Bambus und Entete-Blättern.Die Dorze leben in Hütten, die an den Kopf eines Elefants erinnern.

Das Brot wird im Dorf der Dorze in Äthiopien über dem offenen Feuer gebraten.Ein junger, gut gelaunter Rastamann hüpft in unser Auto. Sisay kennt ihn schon, wie soll es auch anders sein. In fließendem Englisch begrüßt er uns in seinem Dorf und rattert noch vor der Ankunft gekonnt die Geschichte von eben diesem runter. Dabei klatscht er euphorisch in die Hände. Er ist bereit. Wir auch. Und Sisay freut sich über eine kurze Auszeit im Auto.

Über Brotteig, falsche Bananen und viel zu starken Schnaps

Als wir die Elefantenhütte betreten ist es dunkel. Es riecht nach Weihrauch und nach Tier. Letzteres wird ein bisschen von den Eukalyptusblättern, die auf dem Lehmboden liegen, übertüncht. Doch so ganz kann man nicht leugnen, dass hier ein Schaf und zwei Ziegen mit im Haus schlafen. Unser Dorze-Mann leuchtet aufgeregt mit der Taschenlampe seines Smartphones in jede Ecke. Fein säuberlich wurden hier jegliche Werkzeuge und traditionelle Geräte der Dorze an die Wände gehängt. Fotos dürfen natürlich sehr gern gemacht werden, sprudelt es aus ihm heraus, und ganz besonders von den Tieren, betont er.

Wir folgen dem rhythmischen und gleichmäßigen Klopfen, das von außen in das Haus schallt. Der Besuch im Dorf der Dorze fühlt sich an, wie eine Art Naturlehrpfad, ein Spaziergang mit mehreren Wissensstationen. So wie damals in der Schule, in der wir alten Großstädter von Zeit zu Zeit ins Grüne verfrachtet wurden, um endlich einmal den Unterschied zwischen Baum und Borke kennenzulernen. Was wir jetzt lernen ist, dass es bei den Dorze auch falsche Bananen gibt. Dabei handelt es sich um Früchte, die zwar aussehen wie Bananen, aber sich viel besser als Baumaterial und Brotteiggrundlage eignen. Lehrstation zwei haben wir erfolgreich absolviert. Weiter geht’s. Im nächsten Schritt geht es um den Mitmachfaktor. In der Schule hätte man jetzt gesagt, dass Aktionen Reaktionen bringen und, dass das Involvieren der Schüler in Aktivitäten das Wissen verbessert. Stimmt. Wir flechten und knoten also, zusammen mit unserem dauergrinsenden Dorze-Mann, natürliche Fäden zu Ketten, die wir alsbald freudig um den Hals tragen. Endlich mal wieder ein richtiger Tourist sein. Check! Durch die Wissensstation Nummer drei, einem kleinen, eigens angelegten Garten, der die wichtigsten Früchte und Nahrungsmittel des äthiopischen Volkes auf kleinstem Raum zeigt, gelangen wir in das Herz des Dorfes und damit genau da hin, wo sich der Besuch bei den Dorze am authentischsten anfühlt: in die Kneipe.

Auch gesponnen wird bei den Dorze noch.

Das Dorze Dorf ist recht einfach gehalten.„Come, come!!“, rufen uns die rüstigen Männer zu, die sicherlich schon den ein oder anderen Drink genommen haben. Und ja, wir kommen. Eine Bar gibt es nicht. Dafür ein paar einfache Tische und Plastikstühle. Die Luft ist gefüllt von einem süßlich-stechenden Geruch. Einordnen können wir das nicht so wirklich. Vielleicht ein bisschen Wodka? Mit Honig? Oder doch einfach nur gezuckertes Alkoholwasser? Die Lösung steht vor unserer Nase: irgendwas selbstgebranntes und dazu ein Stück Brot, nämlich jenes Brot, das wir eben noch in unserem Lehrpfad selbst geknetet haben.

Wenn Tradition auf Tourismus trifft, dann kann das nur begossen werden

Stufe vier: Geben Sie den Schülern am Ende des Lehrpfades etwas in die Hand, das sie für immer an das Erlebnis erinnern wird und das Wissen festigt: ein Glas Schnaps. Funktioniert. Und ganz besonders gefestigt wird der saure Geschmack des flachen Fladenbrotes durch den beißenden Geschmack des viel zu starken Getränks, das wir freudig nach einem Gruppenprost hinunterschütten. Das erklärt auch das Dauergrinsen unseres Dorze-Führers.

Abgesehen von den vereinzelten Touristenbesuchen, die den Gelderwerb des Volkes erheblich steigern, gestaltet sich der Tag der Dorze tatsächlich noch traditionell. Die Männer kümmern sich um den Anbau von Mais und Bohnen auf dem Feld, die Jungs scheuchen die Ziegen und Rinder über die Wiesen und die Frauen kümmern sich um das Haus und die Küche. Zum Feierabend trifft sich die kleine Gruppe der hier wohnenden Dorze, in der Dorfkneipe. Natürlich, wie soll es anders sein, auf ein Stückchen Brot, einen Schluck Schnaps und ein paar Stunden Klatsch und Tratsch über die Touristengruppen des Tages und über die paar Groschen, die die Kinder tanzend auf den Feldwegen eingenommen haben.

Und morgen? Da wird sich hoffentlich wieder ein Auto den langen Weg durch die Prärie kämpfen, die kurvigen Straßen bis nach oben und mitten hinein in das Land der Dorze. Wieder wird ein aufgeregter Rastamann seinen perfekt einstudierten Text herunter rattern, während seine Frau sich schonmal auf das rhythmische Klopfen des Brotteigs einstimmt. Ein ganz normaler Tag im Land der Elefanten.

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Die Reise wurde unterstützt von Paradise Ethiopia TravelAfrican Dreams und Ethiopian Airlines. Tipps rund um Äthiopien Sehenswürdigkeiten und das Reisen vor Ort finden sich auf Travellers Archive. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

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