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Schwitzende Männerhaut überzogen von dicklichem Fischsaft: Auf dem Fischmarkt von Mbour im Senegal hat sich auf den ersten Blick nicht viel verändert in den letzten Hundert Jahren. Tatsächlich jedoch sind die Gewässer Westafrikas beinahe abgefischt. Alarmstufe Rot für die traditionellen Pirogenfischer.

Ganze fünfzehn Tage trotzen die Fischer der rauen See des Atlantiks in nichts weiter als einer sechzehn Meter langen Piroge. Eine Vorstellung, die wohl so manchem Nordseefischer die Augenbrauen weit hoch auf die Stirn ziehen würde. Auf dem Fischmarkt Mbour im Senegal sind sie hart im Nehmen. Wie das Land, so die Fischer.

Mbour kennt keinen Horizont. Stattdessen geht der milchige Himmel direkt ins Meer über. Ein einziger großer Einheitsbrei. Caspar David Friedrich würde sich hier vermutlich pudelwohl fühlen. Aus dem Nichts taucht plötzlich ein Holzboot auf. Geisterhaft durchbricht es die weiße Wand und tuckert in Richtung Sandstrand. Der Klang des alten Motors wird von der Umgebung verschluckt und klingt dumpf. Wüsste man nicht, dass man sich mitten in Afrika befindet, man würde sich schnell in einem Piratenfilm wähnen. Es ist Abend an der Atlantikküste des Senegals und der Fischmarkt Mbour ist in vollem Gange.

Das geschäftig-umtriebige Marktstädtchen Mbour ist mit rund 600.000 Einwohnern der wichtigste Ort an der Petite Côte. Etwa 80 Kilometer südöstlich von Dakar knickt die gut ausgebaute Route Nationale Nr. 1 in Mbour nach Osten in Richtung Fatick und Kaolack ab. Ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Senegal, der bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückreicht.

Senegal: Eines der fischreichsten Gewässer der Welt

Damals wurde unter Französischer Kolonialherrschaft eine Militärbasis bei Mbour errichtet. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich der Fischerhafen des Städtchens rasant zu einem der wichtigsten Fischumschlagplätze in ganz Westafrika. Heute nimmt er einen Großteil des breiten Strandes ein.
Die Gewässer vor Westafrika gehören zu den fischreichsten der Welt. Die meisten Einwohner der Stadt, überwiegend Sérèr, leben vom Fischfang und vom Kleinhandel. Und der ist gerade in vollem Gange.Fischmarkt-Mbour-Fischnetz

Fischmarkt-Mbour-LagerhalleBei dem einlaufenden Boot handelt es sich um einen knallbunt bemalten Einbaum. Auf ihm befinden sich ein Dutzend Mann, was man dank des Nebels aber erst einige Meter später erkennen kann. Sie sind in einer leicht hockenden Haltung. Ganz so, als könnten sie es kaum erwarten, endlich wieder an Land zu gehen. Vorher aber muss der Kutter entladen werden, im seichten Wasser des heute wenig aufbrausenden, eher heranplätschernden Atlantiks. Die vielen Tonnen Fisch – von der Dorade bis zum Thiof, dem weißen Zackenbarsch – wollen so schnell wie möglich auf Eis gelegt werden, gerade hier unter der 30 Grad heißen Abendsonne, oder zumindest dem, was der Dunst davon durchlässt.

Manneskraft, Fleiß und bunte Pirogen: Der Fischmarkt Mbour erwacht

Der Fisch wird von mannsgroßen Holzboxen in handlichere Fischkörbe und Plastikkisten verladen und diese werden mit ehrlicher Manneskraft an Land gebracht. Eine nach dem anderen, aber so fix wie nur möglich. Dies ist eine ganz besondere Aufgabe, bedenkt man den Wert des Fisches in einem westafrikanischen Land, wo gerade die Früchte des Meeres viel Bares wert sind. Diejenigen, die sich der überquellenden Fischboxen annehmen, hätten eine eigene Berufsbezeichnung verdient: man könnte sie die Fischläufer nennen. Diese Träger in Gummianzügen machen ihrem Ruf der fleißigen Arbeiter an diesem frühen Abend alle Ehre. Sie hasten im Laufschritt zwischen den Pirogen und den am Strand geparkten Kühllastern hin und her.

Ihr Job besteht darin, bis auf Achselhöhe ins Meer zu steigen und die Boxen voll mit frischem Fisch entgegenzunehmen. Bewaffnet mit der wertvollen Ware geht es dann im Eiltempo zurück ans Ufer und den sumpfigen Strand hoch zu den Sammelplätzen der jeweiligen Einkäufer. Dabei balancieren sie die überquellenden Fischkörbe so hoch wie möglich über dem Kopf, dass ja kein Fremder auch nur auf die Idee kommt, nach den Fischen zu greifen. Aber zu spät.

Die Verfolger lassen nicht lange auf sich warten. Kleine Jungen sind ihnen im Gedränge stets dicht auf den Fersen und lassen keinen Meter zwischen sich und die Fischläufer kommen, immer mit der Hoffnung, herunterfallende Fische zu ergattern. Ihr Blick bleibt daher immer auf die Kiste gerichtet. Matschlöcher und andere Hindernisse werden gekonnt übergangen. Und siehe da, ab und an fällt tatsächlich ein glitschiger Fisch vom Rand einer Kiste und poltert auf den verschlammten Boden.

Den Läufern scheint das egal zu sein. Sie würdigen die Kinder keines Blickes. Schließlich haben sie genug zu tun mit der schweren Last auf ihren Schultern. Vom dunkelroten Blut und dem dicklichen Fischsaft, der ihnen seitlich ins Gesicht tropft, einmal ganz abgesehen. Klitschnass sind sie. Den Jungs jedoch geht es da kaum anders. Und doch sind sie voll bei der Sache. Trotzdem merkt man schnell, dass es weder den einen, noch den anderen, bei ihrer Tätigkeit um Spaß geht. Im Gegenteil, für beide Parteien geht es um das harte Geschäft, eine aufreibende Knochenarbeit.Fischmarkt-Mbour-Fischer-im-Wasser

Fischmarkt-Mbour-FischerDie Jungen pendeln, genauso wie ihre großen Nachahmer, zwischen Meer und Fischhalle hin und her. Immer und immer wieder. Zeichen von Erschöpfung zeigt keiner. Nur ab und an legen die Kinder ihre erschwindelte Ware unten am Ufer ab, wo die Mütter schon mit großen Planen warten. Dort werden die Fische auf dem Schwarzmarkt unters Volk gebracht. Eine halb illegale Geschäftsidee der Einheimischen, die hier aber keinen wirklich zu kümmern scheint. Sie ist eben vom Laster gefallen, auch wenn dieser nur die Größe einer Plastikkiste hat.

Der Weg der Fische: Von Mbour nach Dakar

Hinter der Fischhalle stehen dann tatsächlich Lastkraftwagen bereit, auf denen arabische Schriftzeichen zu erkennen sind. Sie sind in Reih und Glied geparkt und mit Nummern versehen, so dass jeder Läufer auch genau weiß, wo er seinen Fisch abliefern muss. Auf den Ladeflächen der Laster kommt der Fisch in Plastikcontainer , über die immer wieder Trockeneis geschüttet wird. Die ganze Prozedur vollzieht sich in rasender Geschwindigkeit. Schließlich müssen die Lastwagen die Kühlhäuser in Dakar und im Hinterland der Petite Côte noch in der gleichen Nacht erreichen.

Die Szenerie am Fischmarkt Mbour ist völlig surreal. Die dichten, beißenden Rauchfahnen, die hier während des Einräucherns der Fische über das Gelände wehen, verleihen der Szenerie im letzten Abendlicht eine unwirkliche Atmosphäre. Die Akteure sind nur noch als bleiche Schemen erkennbar. Silhouetten huschen über den Strand. Ein wenig lullt einen die schleierhafte Lichtstimmung in einen traumhaften Halbschlaf, wären da nicht der Tumult und die lauten Rufe der Fischer und Ordner, die die Luft zerreißen und einen mehrmals in die Realität zurückholen. Mehr und mehr Pirogen tauchen aus dem Dunst auf und stoßen mit einem letzten Schwung auf den breiten Sandstrand. Esel und Pferde ziehen hölzerne Anhänger voller Fische vom Strand, als hätten sie in den letzten hundert Jahren nichts anderes gemacht. Haben sie vermutlich auch nicht. Netze werden mit voller Manneskraft ausgebreitet, von lästigen Algen befreit und in kollegialer Handarbeit wieder sorgfältig aufgerollt.

15 Mann, eingepfercht auf einer kleinen Piroge

Ganze 15 Tage sind die Fischer unterwegs. Von der Atlantikküste in Mbour an der Petite Côte im Senegal geht es zunächst hinaus aufs offene Meer. Dann, je nach Vorhersage der Fischerweisen, fahren die Pirogen entweder nach Norden in Richtung der Küste von Mauretanien oder aber weiter in den Süden. Dort warten die Gewässer von Guinea-Bissau oft mit den größeren Fischschwärmen auf – rund 800 Kilometer südlich von Mbour.

Es lässt sich nur erahnen, welche Tortur die Männer auf sich nehmen, eingepfercht auf einem kleinen Fischerboot, ohne Überdachung und ohne jeglichen Schutz vor den Kräften des Meeres. Sie fischen zusammen, essen zusammen, schlafen zusammen. Kein Wunder, dass der ein oder andere beim Landgang dann etwas benommen wirkt. Aber was tut man nicht alles für den ganz großen Fang.Fischmarkt-Mbour-LKW

Fischmarkt-Mbour-von-obenWie überall im Senegal gesellen sich auch bei dieser großen Menschenansammlung Verkäufer mit anderen Waren unter die Händler. Sie verkaufen alles für die kurze Stärkung zwischendurch: Bananen aus dem Hinterland, Gebäck, Wassermelonen, eiskaltes Wasser – und Kaffee und Zigaretten als kleine Muntermacher. Natürlich wird so mancher Fisch auch gleich an Ort und Stelle gebraten und verzehrt. Besonders Eifrige haben ganze Verkaufszelte und Plastikstühle aufgestellt, um ihr Vesper an den Mann zu bringen und zu einer kleinen Pause zu laden. Die kann sich nur kaum jemand leisten. Schon alleine aus Zeitgründen. Zeit ist Geld, gerade wenn es um frischen Fisch geht.

Das Meer vor Senegals Küste ist abgefischt

Ob die Fischträger ihrer Tätigkeit auch weiterhin nachgehen können, steht allerdings in den Sternen. Schon länger warnen Umweltorganisationen und Hilfswerke vor Überfischung im Senegal und der ganzen Region. Nach Meinung vieler Fachleute überfordern die Fischereiaktivitäten in Westafrika die regenerativen Möglichkeiten der Fischbestände. Schuld sind jedoch nicht die einheimischen Fischer mit ihren Pirogen, sondern vielmehr die großen Fischfangflotten aus China, Russland und der EU. Senegals Regierung verteilte ihnen einst großzügig Fanglizenzen. Doch viele Großfischer fischen weit mehr als sie offiziell dürfen. Und das hat Folgen. Einer Studie der Universität von British-Columbia in Kanada zufolge sind mittlerweile über 80% aller Fischbestände in Westafrika überfischt. Ein Ergebnis, das auch Alassane Samba, Direktor des senegalesischen Zentrums für Meeresforschung, aufhorchen lässt. Er arbeitet schon lange gegen diese Entwicklung an und will unter den Senegalesen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig der Erhalt der Fischbestände ist. Vielen Fischern am Strand von Mbour und entlang der Küste geht es aber vielmehr um den Fortbestand ihrer Familie und die Fortführung ihrer langen Tradition des Fischfangs. Kein Wunder also, dass sie dafür auch bis an die Küste vor Guinea-Bissau fahren.

Nackenmuskeln wie Stahl

Zwischen den gut trainierten Sportsmännern ist auch ein alter Herr zu entdecken. Im Gegensatz zu seinen jüngeren Kollegen trottet er vor sich hin, den Fischkorb weit über die Schultern gestemmt. Es sieht wahrlich mühsam aus, wie er ein Bein vors nächste setzt. Die Schmerzen allerdings lässt er sich nicht ansehen. Zu gestählt sind seine Nackenmuskeln vom Schleppen der Jahre.

Ob auch seine Nachkommen in Zukunft vom Fischhandel werden leben können, wird sich herausstellen. Bis dahin wird er mit den anderen großen Jungs völlig verschwitzt Kisten voller Fisch an den Strand tragen und kleine Jungs werden ihnen voller Eifer hinterherlaufen – immer auf der Suche nach dem einen kleinen, persönlichen Fang.

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