Iran Party: Nachts in Teheran ist hinter verschlossenen Türen viel los

Kein Alkohol im Iran? Von wegen. Wie aus einem zufälligen Aufeinandertreffen in Teheran eine wilde Partynacht wurde, aus zaghaften Annäherungsversuchen tiefgründige Gespräche und aus Fremden Freunde.

Flughafen Teheran-Imam Chomeini, vier Uhr morgens. Mit einem Schlag werde ich wach, als der Airbus iranischen Boden berührt. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, wo ich bin. Noch ist es stockdunkel draußen. „Welcome to Tehran!“, begrüßt der erste Offizier seine Gäste aus dem Cockpit und verabschiedet sich damit in die Nacht.

Als ich mich aus dem Sitz schäle und mich in der Reihe der hektisch aufstehenden Passagiere einordne, fühle ich mich nicht wirklich bereit für das große Abenteuer Iran. Zu schlaftrunken bin ich noch, zu verwaschen sind meine Gedanken. Doch fällt mir allmählich auf, dass die junge Perserin, die eben noch auf dem Sitz neben mir saß, plötzlich ein buntes Seidentuch um den Kopf trägt. Auch die ältere Dame zwei Reihen weiter vorne hat sich wohl eben schnell eine Kopfbedeckung umgelegt. Genauso wie die Frauengruppe weiter hinten in der Kabine. Tatsächlich, alle weiblichen Passagiere tragen nun, beim Verlassen des Flugzeugs, ein Kopftuch.

Gibt es im Iran Party, Alkohol und Co.?

Das Tragen eines Kopftuchs ist für Frauen im Iran Pflicht, ganz egal, ob es sich dabei um Einheimische handelt oder um Touristen. Ich bin erstaunt. Auch mitten in der Nacht schafft es mein müdes Gehirn Wochen vor Reiseantritt erlesenes Wissen wieder an die richtigen Synapsen weiterzugeben. Plötzlich dünkt mir auch, wieso mir die Stewardess nach Abflug in Istanbul partout keinen Rotwein als Schlummertrunk reichen wollte. Das ist er also, der Iran, mit seinen eigenen Spielregeln.Iran Party: Couchsurfing im Iran ist super einfachDie Einreise, so stellt sich heraus, ist derzeit einfacher als gedacht – zumindest für deutsche Staatsangehörige. Keine Fingerabdruck-Pflicht, keine Fragen nach dem Grund der Einreise, nichts dergleichen. Stattdessen ein gekonnt unemotional dreinblickender Einreisebeamter und ein flüchtiger Blick auf mein Visum. Schon sitze ich im Taxi Richtung Innenstadt, während der Horizont langsam zu glühen beginnt. Salam! Guten Morgen Teheran!

Teheran: Die sympathische Ohrfeige auf Persisch

Die Hauptstadt des Iran ist sowas wie der Schmelztiegel des Landes, das rund viereinhalb Mal so groß ist wie Deutschland. Hier trifft striktes Kopftuchgebot auf eine hippe Jugend und Bilderbuchpaläste auf schier endlose Staulawinen. Die ersten Eindrücke prasseln wie handgroße Hagelkörner auf mich ein. Schon die Fahrt ins Hotel erschlägt mich dermaßen, wie es zuvor nur indische Großstädte vermochten. Was mich aber umso mehr verwundert: Teheran begrüßt seine Besucher zwar wie eine schallende Ohrfeige, aber auf eine irgendwie sympathische Art. Sie tut nicht weh. Im Gegenteil, sie spornt die Neugier nur noch mehr an.

Woran das liegen mag? Vielleicht an der fabelhaft idyllischen Lage an den Hängen des auch im Mai noch schneebedeckten Elburs-Gebirges. Oder aber an den oasenhaften Moscheen und angenehm weitläufigen Plätzen der Metropole, die aus dem Taxi an mir vorbeirauschen. Ganz sicher aber, so wird es mir in den nächsten Stunden bewusst, liegt es auch an der persischen Seele und der Kultur der Menschen selbst.

So klein ist die Welt – und Teheran

Der erste Vormittag beginnt zu Fuß und zieht sich dank des Nachtflugs schier endlos in die Länge. Ein Spaziergang entlang der belebten Straßen, vorbei an großen Regierungsgebäuden und durch den quirligen „Großen Basar von Teheran“, schlaucht mehr als erwartet. Die ersten Stunden in Irans Hauptstadt haben ihre Spuren hinterlassen. Ausgelaugt bin ich von all den Eindrücken der Großstadt und halb geräuchert von den Abgasen der abertausenden klapprigen Paykan-PKWs. Ich will eine kurze Verschnaufpause einlegen – und zwar im saftigen Gras des Shahr-Parks, einer der wenigen grünen Lungen Teherans. Auf dem Rücken liegend starre ich in den Himmel hinauf und beobachte, wie der weiß-blaue Baldachin über mir vorüberzieht. Mein Blick wandert hinüber zu einer Parkbank und dort zu einem europäisch aussehenden jungen Mann neben einer ebenso jungen iranischen Frau. Es ist 2014 und der steigende Tourismus der Folgejahre ist im Iran noch lange nicht spürbar. Einem anderen Nicht-Iraner über den Weg zu laufen, das ist außerhalb der Touristenhotels in Jazd oder Isfahan schon etwas Ungewöhnliches. Aber es wird noch besser.Iran Party: Couchsurfing im Iran ist super einfach

Iran Party: Couchsurfing im Iran ist super einfachDer junge Mann sieht einem Bekannten aus Hamburg erstaunlich ähnlich. Dieser Gedanke schlägt mir wie ein Querschläger durch den Kopf, da ruft er aus heiterem Himmel meinen Namen. Was nun innerhalb von Sekunden passiert, ist kaum in Worte zu fassen. „Du? Hier?“ Wir liegen uns euphorisch in den Armen. Wie klein ist die Welt? Da treffen in der Achtmillionenstadt Teheran zwei Freunde aufeinander, die gar nichts von der Reise des anderen wussten. „Was zum Henker machst du in Teheran?“ Wie zwei parallel verlaufende Wasserfälle sprudeln die Fragen nur so aus uns heraus. Im gleichen Moment wird uns klar, dass man sich Situationen wie diese gar nicht ausdenken kann. Völlig benommen von der Abwegigkeit des Moments reden wir wild aufeinander ein. Bis uns auffällt, dass uns seine Begleitung, die junge Iranerin, mit immer größer werdenden Fragezeichen über dem Kopf dabei zusieht. Klar, sie versteht kein Deutsch. Schon werden wir uns vorgestellt und keine Minute später sind wir alle auf eine Party eingeladen. Moment, eine Party? In Teheran? Gibt es im Iran Party, Alkohol und Co. überhaupt? “Partys sind doch verboten im strikt muslimischen Iran”, frage ich in die Runde. Als Antwort muss ich vorerst mit einem wissenden Schmunzeln vorlieb nehmen.

Ein Taxi ist schnell herangewunken und schon sind wir auf dem Weg. Wo es genau hingeht, weiß die Iranerin allein. Ein kleines Abenteuer hatte ich mir ja ausgerechnet auf dieser Reise in dieses so untouristische Land, aber dass es so beginnen würde, hätte ich mir im Leben nicht erträumt. Sich einfach darauf einzulassen, sollte, so stellte sich bald heraus, alles andere als ein Fehler sein.

Wenn im Iran Party gemacht wird: Aus Annäherungsversuchen werden tiefe Freundschaften

Unser Ziel: ein Büro im 5. Stock. An einer Kreuzung steigen wir aus und kaufen eine riesige Pralinenschachtel als Gastgeschenk. Das mache man so im Iran, werde ich aufgeklärt. Oben werden wir mit offenen Armen empfangen. So offen, dass man fast meinen mag, man kenne alle schon seit ewigen Jahren. Fast fühlt es sich sogar wie ein Wiedersehen an.

Doch das ist erst der Anfang. Denn mit dem Betreten der Räumlichkeiten ändert sich alles. Anders als draußen auf der Straße trägt keine der anwesenden jungen Frauen ein Kopftuch – was im Iran verboten ist. Stattdessen übermäßig viel Kajal und Lippenstift, teilweise gepaart mit einem stattlichen Dekolleté – ein weiteres No-Go in muslimischen Ländern wie der Islamischen Republik Iran. Dazu läuft westliche Musik, die von der Obrigkeit nur ungern geduldet wird. In den folgenden Stunden rauschen wir, musikalisch gesehen, einmal quer durch die Rockhistorie. Von Bon Jovi bis Rammstein. Von den Scorpions bis Guns ’n’ Roses. Die jungen Iraner scheinen die Musik der 90er noch immer stark zu favorisieren.Iran Party: Couchsurfing im Iran ist super einfach„We will rock you“ und „November Rain“ untermalen also unser Kennenlernen: Wo kommen wir her? Wie lange bleiben wir im Land? Und was zum Henker brachte uns überhaupt auf die Idee, in den Iran zu reisen? Es gebe doch, mit einem deutschen Reisepass, so viele andere schöne Länder, in die man reisen könne. Wie Thailand. Wie die USA. Wie Australien. Die Verwunderung ist den iranischen Partygästen in jedem Gesichtsmuskel anzusehen. Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Alle scheinen wie euphorisiert.

Manche Situationen muss ich zweimal durchdenken, um sie nicht einfach meinem immer größer werdenden Jetlag zuzuordnen, der mich immer und immer wieder schubartig übermannt. Die wenigen Stunden des Schlummerns im Flieger machen sich mehr und mehr bemerkbar. Ein Bierchen wäre jetzt nicht verkehrt, denk ich mir noch, und zack, schon steht es auf dem Tisch. Offiziell, so wird mir sofort erklärt, gibt es keinen Alkohol im Iran. Nirgendwo. Soweit so gut. Dass man Bier aber auch in der heimischen Küche kurzerhand selbst herstellen kann, daran hatte ich bisher keinen Gedanken verschwendet. Wozu auch? Hatte ich mich doch bereits auf eine alkoholfreie Zeit eingestellt.

Iran Party: Und ein Abend nimmt seinen Lauf

Die Herstellung von Bier, mit Alkohol wohlgemerkt, ist dabei kein Geniestreich. Alles, was es braucht, ist Hefe und alkoholfreies Bier, was im Iran frei käuflich ist. Schon hat man nach einer Weile des Vergärens ein richtiges Bier, in diesem Falle, um ehrlich zu sein, sogar ein ziemlich starkes. Natürlich ist unsere persönliche Einschätzung des Eigengebräus bei den Anwesenden besonders gefragt. Wer, wenn nicht die Deutschen, könnten dem hausgemachten Zaubertrunk die große Ehre erweisen, es für gut zu befinden. Der erste Schluck gehört demnach uns. Und siehe da, es schmeckt frisch und vollmundig.Iran Party: Couchsurfing im Iran ist super einfachEntsprechend ausgelassen wird die Stimmung. Mit jedem Schluck, der die Kehle herunterfließt, fallen auf beiden Seiten die Hemmungen wie Dominosteine. Es wird ausgefragt und ausgetauscht über Bräuche und Gegebenheiten beider Länder: Kultur, Politik, Sport. Bald fühle ich mich wie ein wandelndes Deutschlandlexikon. Jeder kennt unsere Fußballer von Ballack bis Kahn, von Matthäus bis Klinsmann.

Iran Party: Wenn aus Annäherungsversuchen tiefe Freundschaften werden

Ali Daei, schieße ich zurück. Hat der nicht mal bei den Bayern gespielt? Mein iranisches Fußballwissen überrascht das Partyvolk. Wieder ein Grund zum Anstoßen. Und wieder. Und wieder. Es kann kein besseres Kennenlernen des Irans geben, als dieser Abend in Teheran, keinen besseren ersten Eindruck von der iranischen Kultur, als diese unverhofft auftauchende Situation, als diese gesellige Nacht. Doch bei dieser einen sollte es nicht bleiben.

Der nächste Morgen beginnt erstaunlicherweise ohne dicken Schädel, trotz Selbstgebrautem. Dafür aber mit dem Wissen, dass sich die gesamte Truppe von gestern Abend von neuem verabredet hat. Der Tag vergeht abermals mit ein wenig Sightseeing. Genauer gesagt mit einem Besuch des Golestan Palastes und des Laleh-Parks in den Randgebieten der Stadt. Doch die Vorfreude gilt ganz klar den Abendstunden.

Am späten Nachmittag sitzen wir also wieder in besagtem Büro. Diesmal nicht nur mit selbstgemachtem Bier, sondern auch mit selbstgebranntem Schnaps. Dieser mundet nicht nur erstaunlich gut, er knallt auch ganz schön in die Birne. Heute ist die Stimmung nicht so gut, sondern noch viel besser. Heute werden aus zaghaften Annäherungsversuchen lange Gespräche über das Leben in Teheran. Aus Bon Jovi wird Coldplay, aus Queen wird Adele, aus Fremden werden Freunde – und wieder wird herzhaft gelacht.Iran Party: Couchsurfing im Iran ist super einfachMonate später ist meine Reise in den Iran längst Vergangenheit. Ich sitze in der heimischen Küche, schaue hinaus in den deutschen Nieselregeln und denke zurück an die Abende in Teheran und an meine neugewonnenen Freunde. Es wurden an nur zwei Abenden so gute Freunde, dass ich von meiner Reise in den Süden früher als geplant in die Hauptstadt zurückkehrte. So gute Freunde, dass der erste und zweite glorreiche Abend noch mehrmals wiederholt wurde – noch ausgelassener, noch fröhlicher und mit noch mehr Gelächter. Es wurden so gute Freunde, dass wir uns zum Abschied in den Armen lagen und die ein oder andere Träne floss. So gute Freunde, dass ich keine fünf Monate später wieder den Fuß auf iranischen Boden setzte. Nicht nur, weil mich das Land in seiner ganzen zaghaften Grazie, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, in seiner ungeheuren Gastfreundschaft, so fasziniert hat. Sondern auch, weil mich zwei der neu gewonnen Freunde zu einer traditionellen iranischen Hochzeit einluden – zu ihrer eigenen nämlich, in Teheran. Der Rest ist eine lange Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Was bleibt, sind tausende Bilder im Kopf von einer Gastfreundschaft, die ich so noch nie erlebt habe, weder in deutschen Landen noch in anderen. Es bleibt nicht nur die Gewissheit, dass es im Iran Party, Alkohol und ausgelassene Abende gibt. Sondern vor allem, dass die Gemeinsamkeiten von Menschen, egal welcher Kultur und welchen Vorschriften sie sich unterzuordnen haben, immer überwiegen. So viele, dass in nur einer langen iranischen Nacht aus einer zufälligen Bekanntschaft eine bleibende Freundschaft entstand. Manchmal, an ruhigen Abenden zuhause, liege ich einfach nur so da und wenn ich die Augen schließe, kann ich es immer noch hören, unser ausgelassenes Gelächter über den Dächern von Teheran.

Anmerkung: Die Geschichte meines Bekannten, Stephan Orth, ist in Buchform als „Couchsurfing im Iran: Meine Reise hinter verschlossene Türen“ erhältlich. Wer seinen Geschichten lauscht, der wird diese Erzählung aus seiner Perspektive darin wiederfinden.

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