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Die alte Dame Tamako lebt auf der japanischen Insel Ishigaki, in der Präfektur Okinawa. An einem Ort, der bekannt ist für das hohe Alter der Bevölkerung. Auch Tamako ist gefühlt schon 90 Jahre alt, doch dabei frisch und munter – ansteckend für die Besucher in ihrer Küche.

Knallgrün ist keine Farbe, die einen sofort an Japan denken lässt. Wer aber einmal sah, wie die Bäume, Felder und Wiesen strahlen, wenn sie vom kurzen Regenschauer in der Monsunzeit erwischt werden, um dann immer mehr zu leuchten, während der Himmel noch ein einziges Grau in Grau ist, wird Knallgrün für immer mit Japan assoziieren. Und sich später gerne daran zurückerinnern, wie es sich anfühlt, durch die nasse Natur zu stapfen, fernab vom Trubel der Metropolen wie Tokio oder Osaka. Ishigaki ist ein kleines Eiland. Es liegt in der Präfektur Okinawa und gehört zu den Yaeyama Inseln im Ostchinesischen Meer, ganz nah an Taiwan. Den besten Ausblick auf die Insel bietet der mit 526 Metern höchste Berg der Präfektur, der Omoto-dake. Hier irgendwo soll eine Frau namens Tamako wohnen. An der Hauptstraße links, hatten die Passanten unten im Tal gesagt. Doch oben stellt sich die Suche als gar nicht so einfach heraus. Schließlich führt nur eine Straße durch Ishigaki und von ihr zweigen unzählige kleine Wege ab, von denen nicht ein einziger einen Namen hat. Und selbst wenn sie diese hätten, wären sie sowieso unlesbar – zumindest für alle, die die japanischen Schriftzeichen nicht entziffern können. So wandelt man auf der Suche nach Tamako in einer Art Irrgarten, der wunderschön verwunschen ist.

Tamakos Zuhause: Die Marutaka Nouen Farm

Hinter wild wucherndem Efeu wird das Wort „Farming“ sichtbar. Es steht auf einem der schon leicht angerosteten und schräg hängenden Straßenschilder. Hier muss sie also sein, die Marutaka Nouen Farm. Über einen kleinen Schotterweg erreicht man einen Parkplatz, der sich mitten auf dem Hof befindet.

Aus dem Gebäude, das einem Gewächshaus ähnelt, dringen Rufe. Kaum ist das Auto geparkt, hat sich der Regen verzogen. Nur das Einheitsgrau des Himmels ist geblieben. Eine nette Dame kommt tapsig, doch voller Euphorie auf den Parkplatz. Man verbeugt sich höflich, mit einem netten Lächeln auf den Lippen. Dann werden die Besucher in das Gewächshaus gewunken.Ishigaki-Japanisch-Kochen-FarmIshigaki-Japanisch-Kochen-PapayaIshigaki-Japanisch-Kochen-SchnittlauchWie sich schnell herausstellt, ist dieses eigentlich gar kein Gewächshaus, sondern die Küche von Tamako. Dort wuselt die rüstige alte Japanerin auch gleich durch ihr Arbeitsterrain – weiterhin mit einem herzlichen Lachen im Gesicht. Auf dem Kopf trägt sie ein Kopftuch, bedruckt mit Blumen und Tieren, so farbenfroh, wie die vielen Pflanzen, die sich auf ihrem Grundstück befinden.
Viel Zeit für einen Plausch hat Tamako nicht. Stattdessen schnappt sie sich ihre Latschen, wirft ihren Besuchern mit einer gekonnten Handbewegung auch ein Paar hin, greift nach einem Körben und einem großen Messer und stapft voller Tatendrang hinaus in ihren Garten. Den scheint sie in- und auswendig zu kennen. Kein Wunder, denn wie sie erzählt, hatte sie ihn schon als Kleinkind als Versteck benutzt, damals, als ihre Eltern und Großeltern drinnen am großen Tisch saßen und aus vielen kleinen Schüsseln das aßen, was der Garten eben hergab.

Heute gehört er Tamako ganz allein. Verstecke spielt sie nicht mehr, dafür hat sie sich aber ihren eigenen kleinen, frischen Supermarkt aufgebaut. Darin wimmelt es nur so von Papayabäumen, Kräutern, Bohnen und anderen Büschen, die der Durschnittseuropäer wohl kaum beim Namen nennen könnte. Tagein, tagaus hüpft die 90-jährige Dame durch ihren Garten. Sie jätet, sie pflegt, sie erntet, sie kocht und lässt an eben dieser Leidenschaft seit geraumer Zeit auch Besucher teilhaben – oder vielmehr mitmachen. Denn sie spannt jeden voll und ganz ein.

Heute werden Papayas geerntet. Große, prächtige Papayas. Nicht die kleinen Früchte, die man häufig nur als kleine, teure Teilchen kennt und die nur selten ein echtes Geschmackserlebnis bieten. Damit hat Tamako auch schon alles, was sie braucht und geht flinken Schrittes zurück in die Küche.Ishigaki-Japanisch-Kochen-FleischIshigaki-Japanisch-Kochen-Papaya-PfanneDass die rüstige Dame noch so fit ist, kommt nicht von ungefähr. Schließlich leben auf den Inseln der japanische Präfektur Okinawa besonders viele 90- und 100-Jährige. Woran das genau liegt, weiß niemand so recht. Was Tamako angeht, liegt das Geheimnis aber sicherlich in der vielen Beschäftigung, im Tun, in der Leidenschaft für ihren Garten und im regen Umgang mit den Mitmenschen, die sie fast täglich besuchen und der Dame nichtmal den Hauch einer Chance zur Alterung geben. Okinawa ist das Archipel der Alten und Tamako das charmanteste Beispiel. Als nächstes bekommt jeder Gast eine Schürze, ein Brett und ein Messer. Dann geht es los.

Von A bis Z: Wenn Tamako kocht, dann ist alles selbst gemacht

Wer hierher, in Tamakos Küche, findet, der möchte mit ihr japanisch kochen und das bedeutet schnippeln, raspeln und braten was das Zeug hält. Gesprochen wird dabei auch viel, allerdings kein Englisch. Denn Tamako spricht kein Englisch. Das braucht sie aber auch nicht. Für die zwischenmenschliche Nähe reicht ein Blick in das freundliche Gesicht der alten Dame, das voll von so vielen Erfahrungen und Erlebnissen ist, dass es schon von allein Geschichten erzählt. Die notwendigen Anweisungen wiederum übersetzt Tamakos Tochter. Da es die alte Frau gerne würzig mag, darf ihr eigens angebauter Pfeffer natürlich in kaum einem Gericht fehlen. Die Küche hustet, Tamako lacht, das Eis ist schon längst gebrochen. Die Küche ist das Herz von Tamakos Zuhause. Hier befindet sich alles: Zahlreiche Bänke, einige lange Holztische und etliche Vitrinen mit schönstem japanischen Geschirr werden hier gut behütet aufbewahrt. Der tatsächliche Kochplatz ist dagegen recht einfach ausgestattet: Lediglich zwei kleine Gasflammen befinden sich hier und im Regal darunter ganze Stapel an Woks.  Mehr benötigt die alte Dame nicht. Kein Wunder, denn sie ist wahrlich umgeben von allem, was ein Essen zu etwas ganz Besonderem macht.

Selbst die Zutaten hat Tamako selbst zubereitet. In kleinen Gläsern und Flaschen, die um den Herd und entlang der Spüle stehen, befinden sich allerlei Öle, Essige, Saucen und Gewürze. Dinge, die Tamako auch verkauft. Nur eines würde sie ganz sicher nicht tun: die Rezepte verraten.

Die Papaya, die eben noch am großen Baum neben dem Eingangstor hing, ist längst geraspelt und brutzelt im Wok vor sich hin. Tamako ist schon längst wieder aktiv im Garten. Nur wenige Minuten später füllen frisches Zitronengras, Ingwer und Minze ihren Korb – und ihre Aura wieder den ganzen Raum. Es gibt Tee und Tamako grinst dabei so über beide Ohren, man könnte meinen, sie führe etwas im Schilde. Dabei ist es nur ein Zeichen ihrer unbändigen Freude, die die rüstige Dame täglich durch ihr Leben zieht. Ishigaki-Japanisch-Kochen-TamakoIshigaki-Japanisch-Kochen-TeeIshigaki-Japanisch-Kochen-Essen-TischDas Papayagericht wird noch schnell abgeschmeckt und landet auch schon in kleinen Schälchen mit verschnörkelten Mustern auf dem langen Holztisch. Draußen regnet es wieder. Das macht aber nichts. Denn die dicken Tropfen, die auf das geriffelte Metalldach prasseln, tragen perfekt zur Atmosphäre bei. Draußen Regen, drinnen Wärme, die sich trotz der offenen Fenster und fehlenden Wände von ganz allein entwickelt hat. Tamako blickt in die Runde. Ein prüfender Blick, ein kurzes Schielen in die Schälchen und dann beim ersten Happen mitten hinein in die Augen ihrer Besucher. Ja, es schmeckt. Schwupps, da sind die Schalen auch schon leer und Tamako glücklich. Doch das war es noch lange nicht.

Die Hausherrin und ihre Tochter verschwinden in ein Hinterzimmer und kommen nur kurze Zeit später mit einem riesigen Tablett voll japanischer Spezialitäten wieder. Gerichte, die bei einem zweistündigen Kochkurs locker den Zeitrahmen gesprengt hätten, befinden sich nun, fein säuberlich aufgetischt, auf einem wunderschönen Holztablett. Das hat sicher schon einige Jahre auf dem Buckel. Tamako erklärt Schälchen für Schälchen: eingelegtes Seegras, Fisch, Rindersuppe, Gemüse, Salat und viele andere Speisen, manche davon so unbekannt, dass es noch nicht einmal eine Übersetzung in andere Sprachen für sie gibt. Tamako klatscht zufrieden in die Hände und wirft ein wackliges, aber umso charmanteres, „Please eat!“ in den Raum. Das leise Klackern der Stäbchen, die bei jedem Bissen aneinanderstoßen, durchzieht den Raum. Still ist es. Doch das stört niemanden. Es ist diese angenehme Ruhe, die sich nur selten finden lässt. Diese Ruhe, in der es eben nicht komisch ist, wenn plötzlich zehn Minuten lang nichts gesagt wird. Eine Ruhe, die in vielen Metropolen dieser Welt kaum zu finden ist, in Japan jedoch hinter jeder Ecke lauert. In Tamakos Küche ist sie wohl schon immer. Keine Wunder, dass diese Frau so viel Energie und Freude besitzt.

Mit dem letzten Regentropfen wird auch das letzte Schälchen auf dem Holztablett geleert. Dann bedankt sich Tamako mit einer extra langen Verbeugung bei ihren Koch-Lehrlingen. Diese haben sich sicher ein Stückchen von ihrer Lebensfreude in die Hosentasche gesteckt. Die Autos verlassen den Hof und ruckeln zurück auf die Hauptstraße. Nur Tamako bleibt zurück, lachend und winkend – mit einem knallgrünen Tuch in der Hand.

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Die Reise wurde unterstützt vom Flughafen München, Visit Okinawa und der Star Alliance. Der Kochkurs findet täglich von 12-14 Uhr statt: 2151-5, Tonoshiro, Ishigaki-shi, Okinawa, 907-0004, Japan (Tel.: 0980-83-1665). Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Wieder ein Grund mehr, endlich mal nach Japan zu reisen. Danke für den schönen Bericht.
    Liebe Grüße Britta

  2. Pingback: Kyotos Ruhe: Von Nachwuchsgeishas und saftig roten Pagoden

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