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Von Marktschreiern, Stinkefüßen und einer Eskalation bei 35 Grad. Busfahren im Senegal ist eine wahnwitzige Unternehmung und schweißt zusammen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ibrahim stehen die Haare zu Berge. Aber nicht etwa aus Entsetzen. Dabei kann einem der Anblick des klapprigen Überlandbusses schon ein wenig Angst einjagen: Der Lack ist ab, im wahrsten Sinne des Wortes. Was von dem Bus noch übrig ist, ist schief, gebrochen oder zerfleddert. Ibrahim aber ist mit seinen fünfundzwanzig Jahren schon ein waschechter Senegalese und daher von klein auf an die schlechten Zustände der alten Busse gewohnt. Seine rund vier Zentimeter langen, wild abstehenden Haarbüschel wippen im Wind, als er einsteigt. Auf der Vorderseite seines grünen T-Shirts ist in großen Lettern eine Botschaft zu lesen: „Halts‘ Maul und verpiss dich“ steht darauf geschrieben – auf Deutsch. Na dann kann’s ja losgehen.

Busfahren im Senegal oder: Wer hat den ältesten?

Die Fahrt vom immer lauten Moloch Dakar ins quirlige Mbour an der Petite-Côte weiter im Süden des Senegals dauert je nach Verkehr zwischen eineinhalb und fünf Stunden. Genaue Zeitangaben? Gibt es im Senegal nicht. Planen kann man also kaum. In Afrika verliert man sowieso jegliches Zeitgefühl. Schon die Fahrt mit einem der klapprigen Taxis zum großen Busbahnhof von Dakar gleicht einem Husarenritt. Es geht auf völlig überfüllten Zufahrtsstraßen durch massiven Verkehr hindurch und vorbei an kilometerlangen Blechlawinen nach Pikine, einem der vier Départements in der Hauptstadtregion Dakar.

Das System der mehrspurigen Straßen hat sich im Senegal nicht wirklich durchgesetzt. Um voranzukommen gibt es schließlich auch andere Mittel. Hupen zum Beispiel. Und Fluchen. Und dann wieder Hupen. Auch wechseln Taxifahrer ausgesprochen gerne die Spur. Rechts vor links? Quatsch! Hier hat einfach jeder Vorfahrt. Kommt man schließlich am Busbahnhof in Pikine an, gleicht dieser auf den ersten Blick eher einem Wochenmarkt als einem Umsteigebahnhof und eher einem Theaterstück, als einem Verkehrsknotenpunkt. Jeder steht, geht und redet, wie ihm die Nase gewachsen ist. Dazu wird wild mit den Händen gestikuliert. So voller Drama, dass wohl so mancher Italiener beeindruckt wäre.

Und dann doch: Einer der rastlos herumrennenden Männer scheint tatsächlich den Hut auf zu haben. Oder in diesem Fall eher eine verschlissene Mütze. Der Anweiser verteilt die Neuankömmlinge aus den Taxis und Sammeltaxis mit flinken Anweisungen auf die wartenden Überlandbusse. Wie den nach Mbour.

Mbour-Petite-Cote-Senegal-Verkehr

Mbour-Petite-Cote-Senegal-Kinder-StrasseDieses Exemplar aber, hat längst seinen Zenit überschritten. Die meisten Sitze sind bis zu den Federn durchgesessen. Bei ein paar scheint die Rückstellfunktion außer Kraft gesetzt zu sein, so dass sie dauerhaft in Schräglage stehen. Aus anderen quillt spröder Schaumstoff aus dem gerissenen Lederbezug, dessen Design an das altbackene Mobiliar der sechziger Jahre erinnert. Der Bus füllt sich, die großen Gepäckstücke kommen aufs Dach. Zu guter Letzt werden zwischen den Reihen noch Stühle ausgeklappt. Jetzt ist wirklich nirgendwo noch Platz für einen weiteren Passagier. Losgefahren wird im Senegal erst, wenn alle Passagiere auch einen Sitzplatz haben. Stehen ist verboten.

Wie so oft sind die letzten Reihen des Busses die lautesten. Ein Phänomen, das wohl länder- und kulturübergreifend Gültigkeit hat. Hier sitzen die Cool-Kids von Dakar. Es sind fast ein Dutzend Jugendliche, die sich zu kennen scheinen und für alles und jeden einen Spruch auf den Lippen haben. Diese werden jedoch nicht auf Französisch, der Verkehrssprache des Senegals, in den Bus gegrölt, sondern in Wolof – der Sprache der ethnischen Mehrheit des Landes, dem Volk der Wolof.

Von außen klopft ständig jemand auf das heiße Blech des Busses, wohl um dem Fahrer mitzuteilen, dass er noch nicht losfahren soll. Plötzlich wird es laut. Jemand schmeißt Steine gegen den Bus und wird ruppig davon abgebracht, damit weiterzumachen. Wenn der Bus voll ist, ist er eben voll. Damit ist der Tumult auch schon wieder beendet, bevor er in eine handfeste Schlägerei übergehen kann. Den Jungs aus der letzten Reihe hat es dennoch gefallen. Das Gelächter ist groß.

Ein Bus als Marktplatz: Von Dakar nach Mbour, Petite Côte, Senegal

Es ist kurz nach vier Uhr nachmittags am Busbahnhof von Dakar. Der Bus kommt ins Rollen und drinnen schon wieder Marktatmosphäre auf. Gleich mehrere Verkäufer haben sich für die erste Strecke bis zum nächsten Halt in den Bus geschlichen, um ihre Ware an den Mann zu bringen. Es gibt erntefrische Mandarinen, eingeschweißt in längliche Fünferpacks, eiskaltes Wasser in Plastikflaschen und Zahnbürsten mit Zahnpasta. Ganz so, als hätte sich jemand die dentale Gesundheit der Passagiere zur Aufgabe gemacht. Trotz durchdachter Geschäftsidee geht erst einmal keiner auf das Angebot ein. Auch die Mandarinen und das Wasser wechseln diesmal nicht den Besitzer. Geguckt wird trotzdem. Während sich der Bus durch die durchlöcherten Straßen der chaotischen Vororte von Dakar quält, wird abkassiert. 2000 westafrikanische CFA-Franc BCEAO, also umgerechnet drei Euro kostet die Fahrt von Dakar nach Mbour. Für so manchen Senegalesen ist das ein schöner Batzen Geld.

Ibrahim starrt mit leerer Miene aus dem Fenster. Nur gelegentlich vertreibt er sich mit seinen beiden Nokia-Knochen die noch lange Fahrzeit zu seinen Eltern in eines der kleinen Dörfer die sich entlang der Petite Côte aufreihen wie an einer Perlenschnur. Seine Mitreisenden könnten unterschiedlicher nicht sein. Links vor ihm sitzt ein alter Senegalese am Fenster. Sein strahlend weißer Rauschebart hebt sich farblich von seiner dunklen Hautfarbe ab. Gäbe es einen schwarzafrikanischen Papa Schlumpf, würde er mit Sicherheit genau so aussehen.

Wenn der Boss spricht, dann ist es ruhig

Weiter hinten, nur eine Reihe vor den Youngsters, sitzt eine allein reisende Dame mittleren Alters, die ganz traditionell gekleidet ist. Wie für Senegalesinnen üblich, trägt sie ein schlichtes Kleid aus einem leicht glänzenden Stoff, der aussieht, als sei er wasserdicht. Es umgibt sie eine gewisse Aura. Fast graziös sitzt sie da, modisch etwas aus der Zeit gefallen. Wie Ibrahim hört sie mittlerweile Musik über ihr Smartphone und schützt ihr Gesicht dabei mit ihren Händen vor allzu neugierigen Blicken der Jugendlichen. Neben ihr hat es sich eine junge Mutter mit ihrem Kleinkind gemütlich gemacht. Zumindest so gut es eben geht. Noch schläft der kleine Junge, was den Sitznachbarn mitunter ganz gut zu passen scheint. Einige Männer spielen gedankenverloren an ihren Misbaha, den im Islam gebräuchlichen Gebetsketten. Manche davon sind aus Elfenbein, andere aus einfachem Glas. Die Burschen kichern wieder.

Schon nach dem ersten Stopp wird es wieder laut. Ein Wortgefecht. Scheinbar fällt erst jetzt auf, dass die maximale Anzahl an Passagieren doch überschritten wurde. Es befinden sich zwei Passagiere zu viel an Bord. Sofort wird die Schuldfrage in den Raum gestellt und wild hin und her geworfen. Der Schuldige ist alles andere als schnell gefunden. Stattdessen mischen sich alle ein, von der vordersten bis zur letzten Sitzreihe, vom Businessman bis hin zum alten Mann, vom Geldeintreiber bis zur jungen Mutter. Jeder hat ein Wörtchen mitzureden. Die vorlauten Jungs von ganz hinten dürfen da natürlich nicht fehlen. Bald reden alle gleichzeitig. Nur Ibrahim schaut amüsiert zu. „Shuuut the fuck uuup“, trällert ein Halbstarker eher semi-melodiös aus der letzten Reihe. Vorne zerrt einer den Kassierer am T-Shirt zurück, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. An eine geruhsame Weiterfahrt ist nicht im Traum zu denken. Dieser Auffassung scheint auch der Fahrer zu sein, denn er stoppt den Bus mitten auf der Straße und brüllt auf Wolof ein Machtwort durch die Reihen. Es scheint zu wirken. Der Boss hat gesprochen. Zwei Männer verlassen mehr oder minder missgestimmt das Gefährt. Die Aussicht, nicht am Zielort anzukommen, stößt dann scheinbar doch bei allen auf Unwohlsein. Und schon herrscht wieder Ruhe im Karton. Nur die Jugendlichen können es natürlich nicht lassen, sich noch Minuten später über die Situation lustig zu machen. So gewitzt, dass auch Ibrahim schmunzeln muss.

Dann wird es endlich ruhiger. Ibrahim hat schon längst seine Kopfhörer wieder in die Ohren gestöpselt. Musik beruhigt. Nur ab und zu steigen Verkäufer ein und preisen ihre Waren an. „Clementines, clementines, clementines!“ schallt es durch den Bus. Dass es wenig Sinn macht, wenn vier Mädchen gleichzeitig ihre Zitrusfrüchte verkaufen wollen, scheint keiner von ihnen einzusehen.Mbour-Petite-Cote-Senegal-Busfahrt

Mbour-Petite-Cote-Senegal-StreetartDraußen ist 35 Grad im Schatten, im Inneren des Gefährts steht die Luft. Alle schwitzen vor sich hin. Mittlerweile hat sich ein unangenehmer Geruch im Bus breitgemacht. Es riecht nicht nur streng nach altem Schweiß, sondern auch nach dem würzigen Aroma von Käsefüßen. Und es riecht nach Staub und nach Kleidung, die schon lange kein Waschpulver mehr gesehen hat. Dazu mischt sich der Gestank der tiefschwarzen Abgaswolken, die durch die schmalen, gekippten Fenster hinein wehen. Und doch: Fahrtwind hilft zumindest ein wenig beim Atmen. Durch die Scheibe sieht man ein Einheitsbrei, das weiß verschleierte Dakar am späten Nachmittag.

Beim nächsten Halt haben die hereinströmenden Verkäufer Erfolg. Ein Mädchen verkauft Kaugummis, vier Stück pro Packung. Ein chinesisches Logo ist darauf zu erkennen. Erst möchte keiner zugreifen. Erst nach zwei Minuten kontinuierlichen Werbens erbarmt sich ein Mann und ersteht ein Päckchen. Und dann geht es los: Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Kaum hält der Käufer seine Anschaffung in den Händen, sind auch schon alle neidisch. Wieder und wieder wandern Münzen von der hintersten Ecke des Busses nach vorne, wieder und wieder wandert eine Packung Kaugummis zurück. Der ganze Bus ist involviert. Wenige Minuten später hat die junge Frau alle Kaugummis verkauft. Ein voller Erfolg. Ähnlich ergeht es dem Jungen mit den Früchten, der kurz vorher hereinkam. Fünf eingeschweißte Clementinen kosten 250 CFA-Franc, also umgerechnet 40 Cent. Der junge Kaufmann verkauft alle mit einem Schlag an verschiedene Businsassen. Neid wird also großgeschrieben im Senegal. Zumindest was die Kulinarik auf längeren Busreisen angeht.
Das Ganze hat einen angenehmen Nebeneffekt. Denn für die letzten 50 Kilometer nach Mbour riecht der ganze Bus angenehm frisch nach Clementinen. Jedes Mal, wenn jemand eine Zitrusfrucht schält, durchzieht das Fruchtaroma den Innenraum und vertreibt den beißenden Geruch von Schweiß, Müll und Käsefüßen. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

So langsam scheint sich jeder mit der eigenen Position und der Hitze abgefunden und die Aura seiner Mitreisenden in sich aufgesogen zu haben. So langsam fühlt es sich mehr wie eine eingeschworene Gemeinschaft an, als wie eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe Reisender irgendwo im Senegal. Es wird still im Bus. Ibrahim schaut weiter gedankenverloren aus dem Fenster. Der alte Mann streicht durch seinen Rauschebart. Die Mutter spielt still mit dem Kind. Und auch Sprücheklopfen macht müde: Die Youngsters sind eingeschlafen, eingelullt vom süßen Geruch der Clementinen.

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  1. Hallo Anne und Clemens,

    ein schöner Bericht! Auch wenn ich noch nicht im Senegal war konnte ich mich gut in den Bus reindenken, denn in Äthiopien oder Uganda ist das nicht viel anderes. Leider gab es dort nie Clementinen…..

    Ich wünsche euch noch eine gute Reise, ein schönes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Reisejahr
    Viele Grüße
    Jens

  2. Pingback: Südafrika Roadtrip: Rundreise auf eigene Faust - Anekdotique Deutsch

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