Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung

Wenn das Eis unter den scharfen Spikes knirscht, hat man alles richtig gemacht. Eine Gletscherwanderung in Neuseeland ist ein unvergessliches Erlebnis: über das ewige Eis, wirbelnde Helikopterblätter und einen Mann, der den Tasman Gletscher auf dem Mount Cook besser kennt, als jeder andere.

Wenn der Helikopter abhebt, werden wir mit Endorphinen durchströmt. Man findet keinen klaren Gedanken, außer: Wow! Schon der Ausblick des Gletschers von der Air Base im Mount Cook Village lässt jedes Wort im Keim ersticken. Alle im Hubschrauber sind damit beschäftigt, ihre Gedanken zu sortieren: der Pilot, ebenso wie der Gletscherführer und seine sechs Gefährten.

Vor uns offenbart sich der Anblick eines wahrlich majestätischen Bergmassivs. Der Mount Cook, auf der Südinsel Neuseelands, ist der höchste Berg des Landes. Schon von weitem sieht er aus wie gemalt, modellhaft dahingestellt, unecht und surreal. Die Sonne scheint, die Luft ist klar, nur vereinzelt sind Wölkchen an den Himmel gemalt. Die Wetterlage scheint für ungeübte Augen perfekt für einen Heliflug. Das Matterhorn, gut 18.000 Kilometer entfernt, lässt grüßen und hat doch nicht eine ganz so pittoreske Graslandschaft vor sich gebettet, wie der große Bruder auf der Kehrseite der Weltkugel. Der Ruf des Aoraki, wie der Mount Cook in der Sprache der Maori heißt, eilt seiner beeindruckenden Aura voraus.

Aller guten Dinge sind unendlich

Es ist der erste Anlauf, den Tasman Gletscher auf dem Mount Cook mit dem Helikopter zu erreichen. Und es soll nicht der letzte sein. Doch noch wissen wir Heli-Passagiere nicht, was uns erwartet. Noch gehen wir davon aus, dass es jetzt losgeht.Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung: Der Helikopter steht bereitMount Cook Neuseeland Gletscherwanderung

Mount Cook Neuseeland GletscherwanderungMit einem Ruck hebt der Hubschrauber ab. Es ist genau der Moment, in dem man sich kurz intuitiv an der Armlehne deines Sitzes festkrallt, um dann schnell wieder loszulassen. Es soll schließlich keiner mitbekommen, dass man sich fast in die Hosen macht. Vor Vorfreude wohlgemerkt, nicht aus Angst. Die Höhe und das immer näherkommende Gletschermassiv können ganz schön Eindruck schinden. Noch ist der Hubschrauber aber mehr als einen Kilometer vom Eis entfernt.

Abwarten mit Bilderbuchpanorama

Als Tourist auf einem Helikopterflug zum Gletscher des Mount Cook macht man erstmal alles mit. Man folgt, statt anzusagen. Man hört, anstatt zu sprechen. So hört man als Passagier des Helikopters auf dem Weg zum Bergmassiv vor allem mit, was der Pilot und der Gletscherführer vorne im Cockpit eben so besprechen. Über die Heli-interne Funkanlage, der man hinten auf den billigen Plätzen berauscht zuhört, klingen Satzfragmente wie: „Schau mal da“. Und: „Oh je“, , „lass mal umkehren“. Gefolgt von einem „jetzt dreh schon ab, das ist zu gefährlich“. Die Tonart, in der sich der Pilot mit dem Leitwolf unter den Mount Cook Gletscher Guides über die Wetterlage austauscht, ist nett und zuvorkommend und doch so kackenehrlich, dass sie nicht Gutes vermuten lässt. Der peinlich ungeschulte Blick durch das zerkratzte Helikopterfenster zur Schlechtwetterfront aus dem Osten Neuseelands, bestätigt rasch das mit großen Schritten nahende Unheil.

Wir drehen also um. Sofort. Ohne mit der Wimper zu zucken. Dabei hätten wir zu acht ganz schön viele Wimpern an Bord. Doch zu bedrohlich wirkt die Wolkenmasse, die sich mit ungeheurer Geschwindigkeit über das Hooker Valley zieht. Wie ein grauweißer Schlechtwetterteppich wirkt sie. Dabei war vor kurzem noch alles schön, alles schick, alles Abenteuer. Die Sonne schien, von ein paar Wattebäuschen am Himmel mal abgesehen, als gäbe es kein Morgen. Klare Sicht, Bilderbuchmotiv, Klick. Ourdoorfanatische Instagrammer hätte ihren Heidenspaß gehabt.

Stattdessen kehren wir, am Boden der Tatsachen angekommen, in die überschaubare Wartehalle im Mount Cook Besucherzentrum zurück. Das nahende Unwetter wird genauestens beobachtet, Funksprüche werden abgesetzt, Vorhersagen wild diskutiert – von den Experten wohlgemerkt. Wir Touristen sitzen nur so da, auf unseren Holzstühlen. Dabei versuchen wir, wenn irgendwie möglich, nicht sonderlich unwissend auszusehen. Wolken am Himmel, starker Wind, klar, dass man da umdreht.

Platoon mitten im Mount Cook Nationalpark

Eine halbe Stunde später sitzen wir wieder im Heli, mit stabilen Quergurten am Sitz festgemacht. So fest, dass sich die Frage stellt, ob der Heli mit uns abstürzen würde oder wir mit dem Heli. Ein Regentief kommt in der wilden Bergwelt von Neuseeland in Minutenschnelle und ist ebenso schnell wieder verschwunden. Wenige Minuten später heben wir abermals ab. Und siehe da, anders als beim ersten Versuch, stellt sich uns diesmal keine Schlechtwetterfront in den Weg. Die Luft ist nun erstaunlich klar, fast schneidend. Ohne Sonnenbrille ist das ultraklare Blau des Himmels gar nicht auszuhalten und dann ist da ja noch der Gletscher am Horizont, der mit jedem Meter näher kommt. Strahlend weiß ist er. Blendend. Die Investition in eine 200 Euro teure Profi-Gletscherbrille hätte plötzlich total Sinn gemacht. Doch zu spät.Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung: Das Eis glitzert

Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung: Ein einmaliger AnblickIn Windeseile verliert man sich in so einem Helikopter am anderen Ende der Welt in seinen eigenen Gedanken. Man ist schnell völlig eingenommen vom unwirklichen Naturpanorama Neuseelands, von der natürlichen Wucht des Mount Cook und dann wird man herausgerissen durch die Tatsache, dass der Boden immer näher kommt. Zack! Und schon stehen die Kufen des Helis auf dem Eis.

Spike um Spike atemlos

„Go! Go! Go!“ tönt es aus hunderten Metern Entfernung und bei genauerem Hinsehen ist es der Gletscherguide, der eigentlich keine 80 Zentimeter entfernt in der Tür des Helikopters kauert und die Passagiere anweist, auszusteigen. Einer nach dem anderen. Mann für Mann. Damit ist die nächste Lehre des Gletscherbesuchs schon angekommen bei der Zielgruppe. Ein Abenteurer nach dem anderen verlässt den Hubschrauber. Einer achtet dabei auf den anderen. Man steht zusammen, man fällt zusammen. Ausrüstung wie Rucksäcke und Steiggerät werden sofort mit voller Manneskraft auf den Boden gedrückt, damit die Wucht der rotierenden Blätter des Helis sie nicht wegpustet. Das erinnert stark an Kriegsszenen wie in Oliver Stones authentischem Kriegsepos “Platoon” von 1986.

Jetzt geht’s erst richtig los. Endlich können wir all unser Know-How einsetzen, dass uns unser Gletscherguide für die Besteigung des Tasman Gletschers auf dem Mount Cook vorher in mühsamer Kleinstarbeit eingetrichtert hat. Spikes an den Schuh ansetzen, einklappen, ab dafür. Spikes an den anderen Schuh ansetzen, einklappen, ab dafür. Es ist eine gelernte Abfolge, die im warmen Umfeld der Basis unten im Tal noch so einfach und firlefanzig erschien. Doch hier oben im Eis wirken sie ganz anders. Hier geht es plötzlich ums blanke Überleben, jeder Griff muss sitzen. Nicht nur am eigenen Fuß. Man achtet auf den anderen. Einer für alle, alle für einen. Aber um ehrlich zu sein, wissen wir nicht mal, wer die anderen Teilnehmer überhaupt sind. Das spielt nun keine Rolle mehr.

In einer überschaubaren Armada aus acht Teilnehmern stapfen wir los. Einer nach dem anderen. Schließlich minimiert man das Risiko eines Fehltritts, wenn der eine in die Fußstapfen des anderen tritt. Das klingt selbst in der dünnen Luft, hoch oben auf dem Tasman Gletscher, noch logisch. Der Umgang mit den Wanderstöcken hingegen, stellt sich bei dem ein oder anderen als eher schwierig heraus. Wann hantiert man schon mal mit einem solchen Werkzeug?Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung: Die Gruppe folgt dem Gletscherführer

Mount Cook Neuseeland GletscherwanderungGletscher sind undurchschaubar und geheimnisvoll. Während man aus der Vogelperspektive die ganze Majestät der Eismasse begreift und die wahnsinnige Aura des Gletschers in einen gedanklichen Bilderrahmen zu quetschen versucht, wirkt der Tasman Glacier von Nahem plötzlich ganz zahm. Man ist klein als Mensch. Man lernt als Besucher die eigene Winzigkeit zu akzeptieren. Eine schönere Form von Bedeutungslosigkeit, in unmittelbarer Nähe eines Gletschers, kann es für den Menschen wohl kaum geben. Das ewige Eis hebt den Besucher auf eine ganz besondere Art in einen ungewohnten Zustand. Als wolle er sagen: „Hey Mann, schön, dass du auch mal da bist. Ich warte schon eine Ewigkeit.“

Und wir? Wir versuchen diesem Ruf gerecht zu werden. Dabei folgen wir Ant, unserem überaus erfahrenen Gletscherguide bei jedem Schritt. Schließlich weiß er genau, was er da tut. Seine Name bedeutet übersetzt Ameise. Das klingt zumindest vielversprechend. Man sagt ja, dass jemand, der besonders oft an einem Ort war, diesen kenne, wie seine eigene Westentasche. Eine Aussage, die Ant nie und nimmer treffen würde. Einen Gletscher kennen; wer so etwas behauptet, enttarnt seine Ahnungslosigkeit. Denn der Mount Cook und mehr noch der Tasman Gletscher wachsen oder schrumpfen mit jedem Tag. Nichts bleibt, wie es ist. Von heute auf morgen kann sich das Antlitz des Tasman völlig verändern. 100 Jahre sind alles und nichts. Heute kann Ant mit seinen Besuchern im Schlepptau noch hier entlang gehen, morgen hat sich dieser Pfad des Gletschers vielleicht schon geschlossen, ein neuer hat sich vielleicht irgendwo erschlossen. So ewig ist das ewige Eis also gar nicht. Es arbeitet, es lebt.

Ein Mann aus Eis. Ant, der Gletscherführer

Es sind Weisheiten wie diese, die unser Guide Ant wie eine Binse raushaut und die ihn zum perfekten Gletscherführer machen. Und damit wird das Erlebnis Gletscher Hike in Neuseeland zu einem echten Highlight. Nicht nur in jedermanns Neuseeland-Reisetagebuch, sondern im ganzen Leben. In den Memoiren. In den Geschichten, die wir später am Kamin mal unseren Kindeskindern erzählen werden.Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung: Ant ist ein Profi auf dem Eis

Mount Cook Neuseeland Gletscherwanderung: Das Seil führt in den GletscherMount Cook Neuseeland Gletscherwanderung

Das weiß Ant auch. Und vielleicht gerade deshalb hat er ein dauerhaftes Schmunzeln im Gesicht. Irgendwie wissend. Irgendwie weise. So klettern wir Gletscherspalten hinab, die Ant erst gestern gefunden hat. So spazieren wir durch Gletscherhöhlen, die ebenso hunderte Jahre alt sein können – oder vorgestern erst entstanden. So greifen wir nach Halterungen und Karabinerhaken die er erst gestern Früh ins Eis geschlagen hat. Nämlich als er wiedermal nicht lange schlafen konnte, so erzählt er und als er seinen Kumpel, den Helikopterpiloten viel zu früh raus klingelte, nur damit er ihn hoch auf den Tasman Gletscher fliegt.

Zwei Stunden Wandern auf dem Gletscher vergehen so schnell wie 15 Minuten. Einstein hatte recht: Zeit ist relativ. Nur ist diese Zeit hier auf dem ewigen Eis nicht relativ schnell vergangen, sondern definitiv zu schnell. Eine kurze Brotzeit folgt, in der alle Teilnehmer wortkarg ihr Vesper in sich hinein spachteln. Zu beeindruckend ist die Umgebung. Zu erstickend der Wow-Effekt. Unmöglich auch nur ein sinnvolles Wort zu wechseln. Plötzlich hört man am Horizont ein Dröhnen. Eines, das immer näher kommt. Eines, das immer bedrohlicher wirkt. Man könnte Böses ahnen, wäre da nicht das allwissende, sonnengegerbte Gesicht von Ant. Seine Falten sitzen tief im Gesicht, wie Meilensteine einer längst vergessenen Zeit. Schon ist der Helikopter am Horizont zu erkennen.

Wir knien uns nieder, in bester Soldatenmanier. Spikes vom Schuh abklappen, lösen und ab dafür. Wir halten unser Hab und Gut fest auf den eisigen Boden gedrückt, so wie Ant es uns beigebracht hat. Der Wind der Rotorblätter zersägt jedes Wort wie ein Mähdrescher. Stumm besteigen wir den Heli und heben ab. Der letzte Blick geht zurück auf den majestätischen Tasman Gletscher. Er geht zurück auf das ewige, strahlend blaue Eis und das immerwährende Wissen, dass das gerade Erlebte sich eingebrannt hat. Für die Ewigkeit.

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Informationen zur Gletscherwanderung am Mount Cook in Neuseeland: Travellers Archive war mit den Pionieren der Heli-Hikes unterwegs: Mount Cook. Hierfür sollten zwei Tage eingeplant werden, denn dieses Erlebnis ist extrem wetterabhängig. Unterkünfte und Campingplätze für Zelte und Wohnwagen gibt es im Mount Cook Village. Die Reise wurde unterstützt vom Flughafen München und der Star Alliance. Die Meinung des Autors bleibt davon völlig unangetastet. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Ihr habt euer „blaues Wunder“ erlebt.
    Eine Gletscherwanderung ist sicher nicht jedermanns Sache und auch nicht jedermanns Wunsch.
    Umso wertvoller sind gute Fotos und hervorragende Beschreibungen – als Ersatz. Um doch noch zu begreifen, was man nicht erlebt hat.

  2. Pingback: 16 Amazing Hiking Trails in New Zealand's North Island and South Island

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