Per Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose Straßen

Per Anhalter nach Indien? Das haben Rochssare Neromand-Soma und Morten Hübbe mal schnell gemacht. Es ging durch die Türkei, den Iran, mitten hinein in Polizeieskorten in Pakistan und an das Tor zu Indien. Über bärtige Diskussionen in Kurdistan, Gastfreundschaft im Iran und Hindernissen in Pakistan.

Kurdistan. Nur unweit der syrischen Grenze entfernt ruft der Muezzin. Türkischer Tee heißt hier kurdischer Tee und sowieso ist hier alles anders, in dem anderen Teil der Türkei. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, die Traditionen erhalten. Dennoch ist die Situation hier, so nah am Krieg, erhitzt. Mittendrin spazieren zwei Reisende durch die Gassen eines kleinen Örtchens. Morten und Rochssare. So, als wäre es ein ganz normaler Urlaub, eine Reise, ein Abenteuer. Doch die beiden haben Großes vor: sie möchten von der Türkei nach Indien. Und das nicht im Zug oder Bus und schon gar nicht im Flugzeug, sondern in Autos von Einheimischen, die hoffentlich ihren Plakaten und herausgestreckten Daumen trotzen und anhalten. Und das tun sie. Das Ergebnis: eine Menge packender Seiten, vollgestopft mit bunten Erzählungen vom Beifahrersitz dicker Karren, brummenden Lastwagen und von der Tragfläche eines Pick-ups. Es geht um die große Hoffnung, die vielen Probleme, aber auch die riesigen Herzen und ausgestreckten Arme, die die beiden in ganz Eurasien – in Pakistan, im Iran und in der Türkei – aufnehmen. Und das mal mit tükischen, mal mit kurdischem Tee. Travellers Archive hat die beiden zum Interview getroffen. Per Anhalter nach Indien: Endlose Straßen und unzählige Geschichten

Per Anhalter nach Indien: Endlose Straßen und unzählige GeschichtenTRAVELLERS ARCHIVE: Ihr seid ja immer auf Achse, wo treibt ihr euch denn gerade rum?

MORTEN & ROCHSSARE: Gerade sind wir in Bangkok. Nach all den Reisen durch den Nahen Osten und dem indischen Subkontinent haben wir hier für zwei Monate ein Zuhause gefunden. Wir genießen es in Bangkok zu sein. Die Stadt bietet alles, was man sich nur vorstellen kann. Neben wunderschönen Tempeln und einem prall gefüllten Kulturprogramm ist Bangkok eine absolut lebenswerte Stadt. Hier gibt es Konzerte im Park und richtig gute Jazzbars. Das Street Food ist wirklich lecker – viel Meeresfrüchte und Fisch – und auch für Vegetarier ist fast immer etwas dabei.

Die Menschen hier sind extrem freundlich, das Wetter herrlich tropisch, die Infrastruktur modern, das Internet schnell. Kurz: Thailand ist ein super entspanntes Land.

Wir haben in den letzten Wochen etwas Nacharbeiten können, also vor allem Reisegeschichten geschrieben, denn dazu fehlt ja während des Reisens meistens die Zeit. Ihr kennt das bestimmt auch.

TRAVELLERS ARCHIVE: Per Anhalter nach Indien – wie kommt man eigentlich auf so eine abgefahrene Idee?

MORTEN & ROCHSSARE:  Wir waren zwischen 2011 und 2014 ja schon in Südamerika per Anhalter unterwegs und haben den Kontinent dort aus ganz abwechslungsreichen Perspektiven erleben dürfen, gerade weil wir als Tramper unterwegs waren. Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Einheimischen war umwerfend. Egal ob in Argentinien, Bolivien oder Kolumbien, um nur drei Beispiele zu nennen – überall wurden wir warmherzig aufgenommen und haben allein durch die Gespräche mit unseren Mitfahrgelegenheiten wahnsinnig viel über die jeweiligen Länder gelernt. Diese Art zu reisen hat uns seit dem ersten Tag fasziniert.

Irgendwann haben wir in Peru einen Franzosen getroffen, der uns erzählte, dass er von Paris nach Istanbul in nur 4 Tagen getrampt sei. Wir waren beeindruckt, dass man in so kurzer Zeit aus Europa heraustrampen kann. Damals war uns bereits klar, dass wir nach Indien wollen. Die Geschichte des Franzosen hatte uns inspiriert – wenn er so schnell per Anhalter nach Istanbul kam, warum sollte uns das nicht auch gelingen? Und wenn wir schon mal in der Türkei wären, warum dann nicht einfach bis nach Indien weitertrampen? Rein geographisch betrachtet ist der Weg von Europa nach Asien ideal fürs Trampen, denn kein Meer versperrt den Weg.

Natürlich kommt hinzu, dass der Landweg nach Indien noch immer eng mit dem Mythos Hippie-Trail verbunden ist, was der Reise noch einen extra Reiz verpasst.

Das war die Ausgangsituation, in der wir im September 2014 das Abenteuer Per Anhalter nach Indien antraten.

TRAVELLERS ARCHIVE: Wäre Zugfahren keine Alternative für euch?

MORTEN & ROCHSSARE:  Es geht uns beim Trampen um mehr als das bloße Vorankommen. Wir haben uns bewusst für diese einfache Reiseform entschieden. Zwei Dinge sind uns wichtig: Wir wollen nachhaltig unterwegs sein und den direkten Kontakt zu den Einheimischen suchen.

Per Anhalter zu fahren verbindet beides. Es ist nach unserer Auffassung die nachhaltigste Art des Reisens. Unser ökologischer Fußabdruck ist beim Trampen kaum vorhanden. Wir greifen nur auf den Verkehr zurück, der sowieso schon unterwegs ist. Es ist unglaublich zu sehen, in wie vielen Fahrzeugen immer nur eine einzige Person sitzt. Durch das Trampen verhindern wir ein weiteres Fahrzeug auf den Straßen. Für uns muss weder ein Zug auf die Gleise noch ein Flugzeug in den Himmel steigen.

Beim Reisen per Anhalter geht es außerdem um mehr als nur eine nachhaltige und kostenlose Mitfahrgelegenheit. Trampen ist ja auch eine Art Philosophie. Sie bringt ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die auf engstem Raum miteinander ins Gespräch kommen. Gerade, weil wir per Anhalter reisen und mit unseren Fahrern plaudern, lernen wir besonders viel. Derart detailreiches, oft auch durch subjektive Erfahrungen geprägtes, Wissen über Land und Leute könnten wir in keinem Reiseführer nachlesen.

TRAVELLERS ARCHIVE: In der Türkei wurdet ihr kurz vor Kurdistan fast ausgeraubt. Inwiefern hat das die folgenden Reiseetappen beeinflusst?

MORTEN & ROCHSSARE:  Ja, dieser Überfall war so eine Sache. Im Nachhinein muss man wohl sagen, dass wir Glück hatten und wortwörtlich mit dem Schrecken davongekommen sind. Direkt danach – wir waren ja nachts mitten auf der Autobahn gestrandet – hatten wir echt Schiss, als wir in den nächsten LKW eingestiegen sind. Außerdem standen wir so unter Adrenalin, dass uns noch Stunden später die Hände zitterten.

Wir haben die Situation bis heute noch genau vor Augen, aber damals in der Türkei waren die Menschen so gastfreundlich, dass wir uns schon am nächsten Tag wieder sehr willkommen fühlten. Der Überfall ist eine dunkle Episode neben sehr viel Licht. Wir haben uns auch schnell dazu entschlossen, dem Geschehenen kein zu großes Gewicht zu verleihen, weil es sonst all die schönen Dinge überdeckt hätte.

Trotzdem vermeiden wir es seitdem noch bewusster, nach Einbruch der Dunkelheit am Straßenrand auf eine Mitfahrt zu warten.Per Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose StraßenPer Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose StraßenTRAVELLERS ARCHIVE: Morten, dein Bart wurde zum Dorfgespräch in der Türkei. Du hast ihn aber nicht abrasiert – trotz stetiger IS-Bemerkungen. Wieso?

MORTEN & ROCHSSARE:  Ich bin überzeugter Bartträger und trage meinen Bart schon seit vielen Jahren. Ich hatte gar keine Lust, nur wegen ein paar Vermutungen den Bart abzunehmen, um ihn dann zwei Wochen später wieder wachsen zu lassen.

Tatsächlich waren es ja auch immer nur gut gemeinte Ratschläge. Niemand hat mir gesagt: „Wenn du dich nicht rasierst, passiert dir was!“ Vor allem hatte man mich vor möglichen Auseinandersetzungen aufgrund meines Bartes in der kurdischen Hochburg Diyarbakır gewarnt. Aber dort angekommen, war mein Bart überhaupt kein Thema – für niemanden. Die Menschen dort waren so freundlich, wie überall sonst in der Türkei.

Ich glaube, wenn mich in Diyarbakır jemand kritisch zu meinem Bart angesprochen hätte, hätte ich tatsächlich eine Rasur erwogen, aber so wie es war, habe ich nie ernsthaft daran gedacht.

TRAVELLERS ARCHIVE: Gibt es Dinge, auf die man sich bei einer solchen Reise einfach nicht vorbereiten kann?

MORTEN & ROCHSSARE:  Ganz ehrlich, bei einer Reise per Anhalter kann man sich nur auf ganz wenig vorbereiten. Du weißt am Morgen nicht, wo du abends ankommen wirst, du weißt nicht, was dir am Straßenrand passiert oder zu wem du ins Auto steigst. Noch weniger, wo und wie du die Nacht verbringst. Das gleiche gilt fürs Couchsurfen. Du weißt nie genau, was dich bei deinem nächsten Gastgeber erwartet. Aber genau das ist ja auch der Reiz, das macht die Reise spannend. Alles ist darauf ausgelegt dich zu überraschen und fast immer endet es weit über den Erwartungen.

Auch auf den immer größer werdenden Kulturschock kann man sich nicht vorbereiten. Vieles, was wir zuhause als selbstverständlich erachten ist es woanders nicht und vieles, was uns als etwas Besonderes gilt, ist in anderen Teilen der Welt Alltag. Worauf man sich nicht vorbereiten kann ist zum Beispiel die Hektik in Indien, die Menschenmassen, die Tiere auf der Straße, die Kühe, der tagtägliche Wahnsinn. Egal wie häufig du davon gehört hast, wie oft darüber gelesen und wie viele Videos du gesehen hast – wenn du erst einmal mitten drin stehst, ist es etwas ganz anderes.

TRAVELLERS ARCHIVE: Erst Südamerika, dann Indien. Was haben euch denn die zu Deutschland nahen Länder getan?

MORTEN & ROCHSSARE:  Ihr glaubt gar nicht, wie gern wir durch Europa reisen möchten. Rochssare war zum Beispiel noch nie in Italien und Morten hat große Lust auf die Pubs, Fußball und die zerklüftete Landschaft auf den britischen Inseln. Irgendwann machen wir das auch noch. Aber momentan zieht es uns eher in die entfernten Ecken. Wir können gar nicht genau sagen, warum das so ist. Es fühlt sich so an, als ob unsere Reisen durch andere Kontinente vor allem von unserer Neugier getrieben sind.

Wir sind noch immer sehr wissbegierig. Was wir nicht kennen, zieht uns an. Europa erkunden wir irgendwann, aber noch gibt es jede Menge Flecken, über die wir noch viel weniger wissen und die uns momentan, gerade wegen ihrer Andersartigkeit, noch etwas mehr reizen. Diese Andersartigkeit ist uns wohl auch viel wichtiger, als die reine Entfernung. Sonst würden uns ja auch Australien oder die USA reizen, was momentan noch gar nicht der Fall ist.Per Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose Straßen

Per Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose StraßenTRAVELLERS ARCHIVE: Das Travellers Archive steht für Authentizität, für echte Geschichten und auch für Länder, die vielleicht nicht für jeden besonders ansprechend sind. Das passt auch zu eurem Reiseziel – aber wieso muss es eigentlich immer abgefahren, versteckt und fast schon gefährlich sein?

MORTEN & ROCHSSARE:  Muss es ja gar nicht, allerdings haben wir auf unseren Reisen immer wieder festgestellt, dass die Menschen in den abgelegenen Ecken besonders herzlich sind. Sie strahlen eine ehrliche Freundlichkeit und wahrhaftes Interesse aus, was anderenorts nicht immer zu spüren ist. Gerade in stigmatisierten Ländern wie Pakistan haben uns die Menschen mit ihrer Zuneigung sehr berührt. Sie waren stets bemüht, die Vorurteile und Klischeevorstellungen, die über ihrem Land und damit auch über den Menschen selbst schweben, zu widerlegen. Gerade die Menschen in untouristischen Ländern wie Pakistan, die aufgrund politischer Probleme kaum die Möglichkeit haben selbst zu reisen, freuen sich am meisten darüber, Ausländer zu sehen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie wollen alles Mögliche über unser Heimatland wissen, aber auch von den anderen Ländern, durch die wir gereist sind. Mit unseren Erzählungen lassen wir sie ein bisschen an der Weite der Welt teilhaben, die sie selbst aufgrund der politischen Situation ihres Landes nicht bereisen können.

Dazu kommt, dass die schwer zugänglichen Ecken oft besonders schön und unberührt sind, weil nur wenige die Herausforderungen des Weges annehmen.

Aber gerade diese Herausforderungen sind es auch, an denen du dich persönlich weiterentwickelst. Du wirst nicht automatisch zu einem guten Menschen, aber du lernst ungeheuer viel Demut vor der Welt, Respekt vor anderen Menschen, Vertrauen gegenüber dem Unbekannten, Wertschätzung dessen, was du hast.

Vielleicht reisen wir aber auch gerne in abgelegene Ecken, weil wir das Ursprüngliche suchen, die Verbundenheit mit der Natur, die Einfachheit des Lebens. Auch wenn solche Ideen eher romantisch verklärt sind, als dass sie der Wirklichkeit entsprechen. Denn ein einfaches, naturverbundenes Leben ist vor allem hart und entbehrungsreich.

Es ist sicher auch eine Einstellungssache: Was erwarte ich von einer Reise? Will ich am Pool liegen, oder verschwitzt und zerstochen durch den Dschungel wandern? Will ich mich an nächtelangen Partys berauschen oder am Anblick der Milchstraße, irgendwo weit weg von jeglicher Lichtquelle?

TRAVELLERS ARCHIVE: Habt ihr mehr Glück oder mehr Verstand?

MORTEN & ROCHSSARE:  Wir sind schon ziemlich schlau, aber wir haben wesentlich mehr Glück.Per Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose StraßenPer Anhalter nach Indien: Unzählige Geschichten und endlose StraßenTRAVELLERS ARCHIVE: Während ihr in der Türkei und im Iran eine Menge Kontakt zu Einheimischen habt, bleibt dieser in Pakistan notgedrungen aus. Hat das was an eurer Reiseerfahrung geändert?

MORTEN & ROCHSSARE:  In Pakistan hatten wir nicht mehr so häufig die Gelegenheit bei Couchsurfing-Gastgebern zu übernachten, weil die Polizei in einigen Städten Sicherheitsbedenken hatte oder zu korrupt war, um uns in Ruhe zu lassen.

Andererseits sind wir in Pakistan häufig einfach so auf der Straße mit Menschen ins Gespräch gekommen. Wir sind in Islamabad sogar von der Straße in ein Studentenwohnheim eingeladen worden, wo wir letztendlich drei Tage geblieben sind. Es gab also trotz der Schikane durch die Autoritäten immer wieder Gelegenheiten, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen.

TRAVELLERS ARCHIVE: Das Buch endet an der Grenze zu Indien. Worauf dürfen wir uns in der Fortsetzung freuen?

MORTEN & ROCHSSARE:  Wir schreiben schon fleißig an den Geschichten aus Indien. Lasst euch überraschen! Per Anhalter durch Indien zu reisen ist der Wahnsinn. Unglaublich, was da alles passiert. Allein mit unseren Mitfahrgelegenheiten könnten wir ein ganzes Buch füllen. Da waren schon einige merkwürdige Gestalten dabei, zum Beispiel die Drogendealer, die dann plötzlich während der Fahrt anfingen aus dem Fenster zu schießen. Und bei unserer ersten mehrtägigen Wanderung im indischen Himalaja sind wir in einen Schneesturm geraten, haben uns verlaufen und sind natürlich direkt schneeblind geworden. Ganz abgesehen davon, dass der ganz normale Alltag in Indien schon verdammt verrückt ist. Ihr seht; die Reise bis an die indische Grenze war da nur der Anfang.

TRAVELLERS ARCHIVE: Ihr sagt nicht ein einziges Mal im Buch wer gerade das Kapitel schreibt. Hat das einen Grund?

MORTEN & ROCHSSARE:  Es gehört zu unserer Idee des Schreibens, dass nicht wir selbst im Mittelpunkt stehen, sondern das Erlebte, die Länder, die wir bereisen und die Menschen, denen wir begegnen. Da ist der Autor nur nebensächlich.

TRAVELLERS ARCHIVE: Und – was kommt als nächstes?

MORTEN & ROCHSSARE:  Bis Anfang April genießen wir unsere Zeit in Bangkok. Dann erkunden wir den Norden und Nordosten Thailands ziehen anschließend weiter durch Südostasien – Laos, Vietnam, Kambodscha. Damit füllen wir die nächsten Monate. Dann geht es zurück nach Thailand in den Süden und nach Malaysia. Das ist so die grobe Idee für das nächste Jahr. Änderungen sind natürlich vorbehalten. Wir werden sehen, was passiert und wohin das Leben uns führt.

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Das Buch „Per Anhalter nach Indien“ von Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma ist im März 2018 bei Malik im Piper Verlag erschienen. Kaufen kann man das Buch jetzt ganz einfach beim Lieblingsbuchladen um die Ecke oder online.

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