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Staatenlos und ungezähmt: Der Sani Pass zwischen Südafrika und Lesotho gilt als einer der schönsten Gebirgspässe der Welt – aber auch als einer der gefährlichsten. Das hält jedoch weder Einheimische noch Touristen fern.

„See you again“ murmelt der Einwanderungsbeamte. Dann haut er den Stempel mit voller Wucht in den Reisepass, schiebt ihn unter dem Glasschutzfenster hindurch und garniert seine Geste mit einem freundlichen Lächeln. So charmant, dass man im Affekt sofort herzlich zurücklächelt. Tschüss Südafrika!

Ab hier befindet man sich im Niemandsland, denn bis zum Königreich Lesotho ist es von diesem westlichen Grenzübergang Südafrikas noch ein ganzes Stück. Das Gebiet gehört niemandem, es ist staatsrechtlich herrenlos. Das allerdings klingt grausamer, als es ist. Denn tatsächlich befindet sich hier eine der grünsten, rauesten und einzigartigsten Landschaften des Afrikanischen Kontinents. Verbunden werden die beiden südafrikanischen Länder von einer schmalen, steilen Straße: dem berüchtigten Sani Pass und damit dem drittsteilsten Gebirgspass der Welt. Wer Südafrika am Grenzhäuschen hinter sich gelassen hat, auf den warten zwanzig Kilometer voller atemberaubender Natur. Und das liegt nicht nur an der mit jedem Höhenmeter immer dünner werdenden Luft.

Mit Allrad durchs wilde Terrain der Drakensberge

Der Sani Pass ist beileibe nicht einfach zu befahren. Im Gegenteil, die Strecke zwischen Grenzposten und Passhöhe darf laut einem Gesetz aus dem Jahr 1987 nur mit Fahrzeugen mit Allradantrieb befahren werden. Alles andere wäre auch schlichtweg unmöglich. Zu eng und zu steil ist die Passstraße, zu launenhaft die Natur um ihn herum.

Die Schotterpiste spannt sich über drei Phasen: geteerte Straße, unbefestigte Wege und die letzte Phase, auf der man über Stock und Stein ruckelt. Bis zum Grenzübergang Südafrikas ist die Straße noch gepflastert, einer südafrikanischen Regierungsinitiative sei Dank. Hier im Nirgendwo aber, geht sie mit einem Schlag in eine Schotterpiste über. Phase zwei also. Auch Steuergelder haben eben ihre Grenzen.

Dann wird es steiler und steiler. Schier endlos schlängelt sich der Geländewagen den Sani Pass die Berge hinauf. Dabei ändert sich mit jedem Meter der Blick auf die umliegende Landschaft. Fast unwirklich entfaltet sich vor dem Betrachter die verwunschene Märchenlandschaft der südlichen Drakensberge, die sich bis zum Horizont über hunderte Kilometer erstrecken. Schnell fühlt man sich dazu gedrungen, an jeder Kehre anzuhalten. Knallgrüne Wiesen betten sich an schroffe Berghänge. Wasserfälle plätschern pittoresk von kargen Felsformationen quer über den steilen Schotterweg. Auch die surreal wirkenden Wolken, die über den Gipfeln tanzen, passen ins Bild. Immer wieder werden sie vom unberechenbaren Wind in dieser Gegend neu verweht. Ein wenig fühlt man sich wie in einem lebenden Gemälde von Caspar David Friedrich – und fragt sich zurecht, wieso man die Drakensberge erst im Jahr 2000 auf die Liste der UNESCO-Welterbestätten gesetzt hat.

Der Sani Pass: unasphaltiert, ungeschützt, unglaublich

Die unbefestigte Straße ist an den meisten Stellen vor allem eines: unberechenbar. Leitplanken? Sucht man auf dem Sani Pass vergeblich. Wer hier von der Schotterpiste rollt, fällt tief. Dazu kommen Schlaglöcher, so groß wie Wassereimer. Phase drei: Kaum hat man eine Kurve hinter sich gelassen, werden zehn neue sichtbar. Allesamt tragen sie furchteinflößende Namen wie Devil’s Corner, Suicide Bend und Hairpin Bend – und jede einzelne macht ihrem Namen alle Ehre. Serpentine für Serpentine kämpft sich der Jeep den Sani Pass nach oben, die Drakensberge fest im Blick. Sein Motor heult, er rüttelt, und kämpft sich über Stock und Stein, dem Gipfel entgegen, der allmählich am Horizont sichtbar wird.

Im Gegensatz zu den abenteuerlustigen Touristen in ihren 4WD-Geländewagen, wird die Passstraße von der einheimischen Bevölkerung der Lesothos auch bei Wind und Wetter genutzt. Nämlich für tagtägliche Fahrten ins Nachbarland. Dafür quetschen sie sich in oft völlig überfüllte, heruntergekommene Minibusse, die manchmal so sehr mit der Steigung auf den Drakensbergen zu kämpfen haben, dass sie einem fast Leid tun. Der Sani Pass stellt die einzige Straßenverbindung von der Ostgrenze Lesothos nach Südafrika dar, und der kleine Ort Underberg in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal im Osten des Landes die einzige Möglichkeit für die Bergvölker Lesothos für Einkäufe und Arztbesuche.

Zwischen röhrenden Motoren und jaulenden Eseln

Auch Esel sieht man entlang der Schotterpiste, vollbehangen mit Säcken und Taschen. Tatsächlich waren Packesel schon im Jahr 1913 ein beliebtes Transportmittel zwischen Südafrika und Distrikt Mokhotlong, einer von zehn Distrikten des Königreiches Lesotho, das im Osten an die Provinz KwaZulu-Natal angrenzt. Schon damals florierte der lokale Handel und machte die Serpentinen der Drakensberge zu einem unabdingbaren Transportweg. Heute erinnern Ruinen alter Brücken an den einstigen Weg von früher. Dabei dauerte es über 40 weitere Jahre, bis die Strecke 1948 erstmals mit einem Jeep des Militärs befahren wurde, um dessen Geländefähigkeit unter Beweis zu stellen. Scheinbar bestand dieser den Test, denn nur wenige Jahre später wurde mit dem Bau einer Passstraße begonnen. Das zuständige Unternehmen von damals gibt es übrigens heute noch. Es bietet unter dem Namen Sani Pass Tours Tagesausflüge zum Beispiel ab Durban für Touristen an.

Wie lange das noch nötig ist, wird sich zeigen. Denn in naher Zukunft soll der holprige Weg des Sani Pass in Südafrika in eine asphaltierte Straße umgewandelt werden. Die sicherlich gut gemeinte Initiative der südafrikanischen Regierung für die Anbindung Südafrikas an Lesotho und vice versa birgt aber auch Schattenseiten. Wird die Modernisierung den Charme des berühmten Gebirgspasses nicht im Keim ersticken? Eines ist sicher, der Ausblick auf die Kulisse der Drakensberge wird bleiben, das Erlebnis Sani Pass jedoch, würde dann aber unwiederbringlich der Vergangenheit angehören.

Zurück zu Phase drei. Spätestens auf der Hälfte der Strecke in Richtung Lesotho wird die Luft so dünn, dass man es bei jedem Atemzug merkt. Auch wird es spürbar kälter. Kein Wunder, denn die durchschnittliche Höhe des Landes liegt bei 2.500 Metern über dem Meeresspiegel. Der Gipfel des Sani Pass jedoch liegt noch fast 400 Meter darüber, auf 2.875 Meter. Mit dem Ziel vor Augen, erklimmt sich dieses dann selbst für den schnaufenden Allradwagen doch erstaunlich leicht. Nach aufregenden zwei Stunden ist man oben angekommen.

Anders als auf Gebirgspässen in den Alpen oder den Pyrenäen hat man hier jedoch kein Gipfelkreuz aufgestellt, sondern gleich eine ganze Kneipe im Nirgendwo zwischen Südafrika und Lesotho. Diese kann sich mit dem Titel des Höchsten Pubs Afrikas schmücken – und mit der Sicherheit, dass hier der ein oder andere Gast einkehrt, um das Erklimmen des Gipfels gleich standesgemäß zu begießen.

Kneipe statt Gipfelkreuz

Die meisten Touristen reisen nach einem Pint und einem kurzen Stelldichein im Königreich Lesotho aber auch schon wieder ab. Wieder geht es den steilen Sani Pass hinunter, an märchenhafter Szenerie vorbei in die wärmeren Gefilde von Südafrika. Dort, wo der Grenzbeamte schon freudig grinsend wartet – den Stempel im Anschlag.

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