Stone Town, der älteste Stadtteil von Sansibar Stadt, ist das Zuhause indischer Händler, arabischer Familien und tansanischer Verkäufer – ein Schmelztiegel, der sich an nur einem Tag wie eine kleine Weltreise anfühlt.

Die Luft drückt wie eine Wand gegen den Atem. Alles ist schwer: die Arme, die Beine, die Tasche sowieso. Im Hintergrund ruft der Muezzin, aus einer Ecke schallt lautes Kinderlachen in die Gasse und etwas weiter durchquert der Orangenverkäufer sein Terrain. Stone Town, die Altstadt von Sansibar-Stadt, ist ein Wirrwarr. Es ist ein Gemisch aus arabisch und christlich. Touristisch und einheimisch. Stehender Luft und rauschender Meeresbrise.

Stone Town ist das kommerzielle Zentrum der tansanischen Paradiesinsel Sansibar. Es ist ein Labyrinth aus engen Gassen, die ein wenig Schutz vor der Hitze bieten und in denen es nach Zimt und Nelken riecht. Ein Fleckchen Erde, auf dem der Sultanspalast neben Museen einreiht, wo man sich über den sanften Wind des Meeres freut und wo es richtig Spaß macht, wenn man sich mal verläuft.

Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert war Sansibar die Sklaveninsel Afrikas. Heute ist sie für viele Touristen der Urlaubshöhepunkt des Jahres. Dann, wenn der Alltag gegen das türkisfarbene Meer des ostafrikanischen Eilands getauscht wird und der Abend mit einem kühlen Tusker-Bier auf einer der beliebten Dachterrassen in Stone Town oder direkt am Strand mit den Füßen im Sand beendet wird. Für viele Besucher ist das der Beginn ihres Abenteuers auf dem afrikanischen Kontinent.Stone-Town-HolztuerStone-Town-Sansibar-KleinkindDabei ist auf Sansibar und gerade in Stone Town nicht vieles „typisch afrikanisch“, außer der geografische Standort. Sansibar ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Stone Town sein Museum unter freiem Himmel.

Stone Town: Ein Spaziergang wie eine Weltreise

Tausende Jahre ist es her, dass die ersten Araber hier Fuß fassten. Kurz danach kamen die Portugiesen, dann die Perser und schließlich die Inder. Kein Wunder also, dass allein ein starker Kaffee am Straßenrand und eine kurze Pause sich anfühlen, als mache man eine kleine Weltreise. Ein Spaziergang durch die engen Gassen von Stone Town ist wie ein Lauf durch einen Irrgarten. Die Gassen sind gefüllt mit indischen Geschäftsmännern, arabischen Geistlichen, die in ihren langen Gewändern ein wenig wirken, als würden sie schweben.

Dazwischen wuseln die vielen tüchtigen Händler vom afrikanischen Festland herum, die es hier mit ihrer Kunst und ihren Schnitzereien versuchen. Letztere sind übrigens kaum zu übersehen: Fast jede Tür in Stone Town ist ein eigenes kleines Kunstwerk. Liebevoll und voller Hingabe wurde das Holz der Türen so aufwendig bearbeitet, als verstecke sich dahinter immer ein kleiner Palast.Stone-Town-HaendlerStone-Town-Sansibar-Tansania-OrangenDas Leben auf Sansibar scheint einfach und scheint den meisten leicht von der Hand zu gehen. Einzig die vielen Verkäufer am Straßenrand erinnern daran, dass auch hier viele ums Überleben kämpft. Museumstouren, Stadtspaziergänge oder aber Fahrten mit den alten Dhows, den Fischerbooten, die mit ihren riesigen Segeln auf dem seichten Meer wanken – die Einheimischen wissen schon, wie sie die Touristen für sich gewinnen.

Doch eigentlich braucht es all diese Angebote gar nicht. Der Charme der Altstadt reicht aus, damit es den Besuchern nicht langweilig wird. Tagein, tagaus lädt sie zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Von Gasse zu Gasse, von Kultur zu Kultur. Mal geht es vorbei an arabischen Teppichen, die fein säuberlich auf Bügeln hängen und im Wind wackeln. Mal passiert man Restaurants, aus denen ein so starker Curry-Geruch steigt, dass einem fast ein bisschen schummrig wird. Obwohl das auch an der Hitze liegen könnte.

Jaw’s Corner: Das Herz von Stone Town

Von Weitem dringt Getuschel durch die Gasse. „Jambo!“ ruft ein netter Herr auf Suaheli und grinst breit. Es ist 14 Uhr, die fiese Mittagshitze ist vorbei und Stone Town trifft sich am zentralen Marktplatz, der Jaw’s Corner. Das ist eigentlich gar nicht der richtige Name des Platzes, sondern der eines kleinen Cafés, das sich im Laufe der Zeit zum geheimen Treffpunkt für die Männer aus Stone Town entwickelt hat. Hier treffen sie sich, um zu plaudern, zu debattieren und zu spielen. Und natürlich um viel zu starken, schwarzen Kaffee zu trinken, der freudig aus einem Becher geschlürft wird, der nach und nach unter den Männern seine Runden zieht.

Eilmeldungen alter Schule: auf Kreidetafeln 

Ab und zu steht einer auf und schreibt Nachrichten auf eine Tafel, die provisorisch an die Wand angebracht werden. Mal geht es um eine Beerdigung, mal um eine Hochzeit. So läuft das hier, mit den Nachrichten.
Die bunten indischen Flaggen, die in Form von Girlanden quer über den Platz hängen, bewegen sich fast taktvoll zu dem Geplauder der Männer. Unter ihnen sind sie alle vereint: Inder, Araber, Perser und Touristen. Ein Unterschied wird hier nicht gemacht. Denn Jaw’s Corner ist mehr als nur eine Ecke. Es ist ein Ort, an dem Stone Town auf engstem Raum genauso porträtiert wird, wie es tatsächlich ist: bunt und so symbolträchtig wie die indischen Girlanden, die hoch oben über dem Platz thronen.Stone-Town-Jaws-CornerStone-Town-Palast-MeerVom Jaw’s Corner aus ist man schnell an der St. Joseph Kathedrale und dann am Meer, an dem sich die Sehenswürdigkeiten wie an einer Perlenkette aneinanderreihen: Das arabische Fort (Old Fort), das House of Wonders und Beit-el-Sahel, der Palast des Sultans – allesamt Überbleibsel aus jener Zeit, in der Sansibar nicht nur eine Sklaveninsel war, sondern auch ein wichtiger Umschlagplatz für die Warenhändler aus aller Welt.

Von alten Gemäuern und Prunk von dazumal 

Von außen wirken die Gebäude wahrlich historisch, wie architektonische Highlights, die hier in bester Lage präsentiert werden. Von Innen jedoch merkt man den Gemäuern ihr Alter rasch an: Der Putz an den Wänden bröckelt, der Boden ist uneben und der Lack ist, im wahrsten Sinne des Wortes, ab. Einzig der Ausblick auf das glitzernde Meer von den vielen Balkonen im protzigen Kolonialstil lässt erahnen, welcher Prunk hier einmal nach außen getragen wurde. Um Prunk geht es hier in Stone Town aber schon lange nicht mehr.

Auf der anderen Seite der Stadt befindet sich ein ganz anderes Stück Stadtgeschichte: der ehemalige Sklavenmarkt. Hier pilgern viele Besucher hin, bevor sie nebenan Samosas und Naan-Brot verdrücken. Dort, wo sich einst der Sklavenmarkt befand, findet man jetzt einen Garten vor. Und darin lebensgroße Sklavenstatuen, fest im Boden verankert. Die wirken so echt, als wäre die Geschichte erst gestern passiert. Eine Zeit, die nicht zu leugnen ist. Denn sie gehört zu Sansibar, wie der Darajani Markt die Straße herunter. Dort jedoch geht es ganz anders zu.
Stone-Town-SklavenmuseumStone-Town-Einheimischer-MarktStone-Town-MarktSchon von Weitem steigt einem ein strenger Geruch in die Nase. Diesmal ist es nicht der süßliche Duft von Zimt und Nelken, sondern ein Mix aus Fisch, Zwiebeln und in der Sonne gedünstetem Fleisch. Hier herrscht jeden Tag ein reges Treiben. Die Marktschreier sind ganz in ihrem Element, sowohl auf Suaheli, als auch auf Arabisch. Zwischendrin ist auch mal ein „Sorry“ zu hören. Das jedoch kommt mal wieder von einem Touristen, der frecherweise ein Foto vom Fleischhacken gemacht hat, obwohl das hier nicht so gern gesehen ist.

Alles was hier auf dem Markt verkauft wird, landet mit großer Wahrscheinlichkeit schon ein paar Stunden später auf dem berühmten Nachtmarkt in den Forodhani Gardens am Ufer von Stone Town. Jeden Abend treffen sich hier die Marktverkäufer der Stadt und locken Touristen mit den lokalen Speisen an: Sansibar-Pizza, Fleischspieße, Zuckerrohrsaft. Der Markt ist quadratisch aufgebaut, es gibt zwei kleine Gänge mittendrin. Doch herumlaufen lohnt sich eigentlich nicht, denn die Stände wiederholen sich immer wieder – und “das Beste” bieten sowieso alle an.

Hat man sich für einen der Stände entschieden, wandert man mit prall gefüllten Papptellern ans Ufer. Dorthin, wo die Einheimischen zu den letzten Sonnenstrahlen in das kühle Nass springen, während die letzten Touristen auf den alten Dhows dem Sonnenuntergang entgegen schippern. Der Tag im quirligen Stone Town ist vorbei, die Luft wird mit einem Mal angenehm kühl und der Muezzin legt ein letztes Mal seinen akustischen Gebetsteppich über die Altstadt.

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Die Reise wurde unterstützt vom Flughafen München und der Star Alliance. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Authentischer Beitrag, toll geschrieben – macht Lust auf Mehr!

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