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Die ganze Türkei passt nicht auf einen Teller. Aber in die Küche von Selin, einer Istanbulerin die zum Kochkurs in ihre eigenen vier Wände einlädt.

Selin liebt es, türkisch zu kochen. Das macht sie schon immer, ihr ganzes Leben lang. Besonders liebt sie es für andere zu kochen. Die Geselligkeit, das Zusammensitzen, das Quatschen und der Genuss von Wein in der großen Runde: das ist Selins Welt. Eine Welt, die ihr Zentrum in Istanbul hat und ihr Herz in einer großen Küche auf der asiatischen Seite der türkischen Metropole.

Heute ist die bestimmt 50-jährige Selin spät dran. Schon wieder hat sie viel zu lange mit ihrem Lieblingsbäcker gesprochen und deshalb ihre Fähre nach Europa verpasst. Ihr morgendlicher Weg zur Arbeit (Selin nennt das nicht Arbeit) ist ein wunderschöner:
Er führt, von Asien nach Europa, mit der Fähre über den Bosporus. Eine Symphonie aus Möwengeschrei und dem Geruch von frischem Tee begrüßt sie jeden Morgen aufs Neue, wenn es vom Stadtteil Kadiköy direkt in das Zentrum des belebten Gewürzbasars auf der europäischen Seite von Istanbul geht.

Selin kennt die Wege durch den Basar so gut, dass sie sie wahrscheinlich aus dem Kopf aufmalen könnte, ohne selbst vor Ort zu sein. Genauso gut kennt der Basar auch Selin. Sie wird von allen Seiten begrüßt, darf schnell im Vorbeigehen probieren, kauft ein paar Zutaten und schnappt hier und da ein paar Gerüchte auf.

Tuerkisch-Kochen-Galata-Bruecke-FischTuerkisch-Kochen-BasarTuerkisch-Kochen-TeeEntlang bunter Basar-Geschäfte und immer dem Geruch nach noch stärkeren Gewürzen folgend, schleicht Selin sich in ihren Lieblingsladen, wo ihre Nachwuchsköche schon auf sie warten. Es fällt gar nicht auf, dass sie zu spät ist, denn alle anderen sind schon längst mit dem Probieren und dem Riechen von Gewürzen beschäftigt, die mit heißem Apfeltee heruntergespült werden.
Draußen, vor dem Geschäft, wird es immer lauter. Die Morgenstille verzieht sich langsam und  macht einer aufgeregten Lebendigkeit Platz. Rufe hier, Gelächter dort. Das ist es, was Selin das Gefühl gibt, hier Zuhause zu sein.

Zu Hause bei Selin, im Herzen der Türkei

In ein ganz anderes Zuhause entführt sie die Gruppe aus dem Gewürzladen, nachdem auch der letzte Zimt beschnuppert und die letzte Zutat gekauft wurde. Mit der Fähre geht es zurück nach Asien, in Selins eigentliches Zuhause. Hier lebt sie schon seit Jahren in einem der höheren Wohnhäuser mit gutem Blick über die Häuser der Nachbarschaft. Selins Apartment hat Geschichte. Es ist diese Art von Wohnung, die einer Frau gehören muss, die viel gereist ist und viel zu erzählen hat. Das Regal ist vollgepackt mit Hunderten von Büchern, historische, moderne, Romane, Reiseführer – und natürlich Kochbücher, was sonst? Zwischendrin verstecken sich kleine Schätze, die nach Ferne aussehen. „Meine Eltern haben immer wieder neue Dinge von ihren Reisen mitgebracht“, erklärt Selin, fast ein bisschen so, als wäre es ihr unangenehm. Doch das muss es ihr nicht. Die Mitbringsel passen perfekt zu dem Rest der Wohnung, zu den antiken Möbeln, den türkischen Accessoires und den vielen Büchern, die jeder der Besucher mit großen Augen begutachtet.

Tuerkisch-Kochen-Kochkurs

Seit gut zehn Jahren, seit 2006, versucht Selin ihre Heimatküche und vor allem die landestypische Lebensweise an andere weiterzugeben. Mit ihren Touren durch die türkische Kulinarik, durch die Kultur des Landes, gibt sie allen Istanbul-Besuchern, ob Touristen oder Türken, auf ihren Touren ein Stück lokale Gastfreundschaft mit auf den Weg. Sei es durch den Spaziergang über den Gewürzmarkt, bei der Fahrt mit der Fähre nach Asien oder aber durch den Kochkurs in ihrer eigenen Küche. Selin liebt es, Fremde zu Freunden zu machen und diese mitzunehmen – wenn auch nur für einen halben Tag.

Die Küche ist groß genug für alle. Jeder hat einen festen Platz, ein Brett, ein Messer und eine Schürze. Selin gibt erste Instruktionen. Ihre Menüs und Rezepte kann sie im Schlaf aufsagen und wahrscheinlich auch kochen. Sie sind von ihr selbst liebevoll zusammengestellt und echt türkisch.

Ein Istanbul, hinter verschlossenen Türen?

Das Geräusch der neun Messer, die Karotten, Paprika und Zwiebeln schneiden, passt perfekt zu der türkischen Musik, die leise im Hintergrund läuft und dem Kochkurs eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. Es fühlt sich geradezu heimelig an. So wie ein Kochabend bei Freunden eben – genau das, was Selin erzeugen will. Sie erhebt das Glas. „Serefe!“, ruft sie, Prost!, und die Gläser mit türkischem Rotwein klirren über den vielen Zutaten für das Sechs-Gänge-Menü, das die Dame des Hauses heute noch kochen möchte.

Tuerkisch-Kochen-ZutatenTuerkisch-Kochen-Essen

Selin kennt ihre Pappenheimer. “Sie sind immer gleich”, sagt sie, die Gruppen, die zu ihr in die Küche finden. Sie bestehen aus dem Übereifrigen, der Zwiebeln so schnell schneiden kann, dass er alle fünf Minuten eine neue Aufgabe braucht. Dann gibt es Plauderer, die alles erklärt haben wollen und so viel Interesse zeigen, dass Selin kaum Zeit hat, selbst zu kochen. Und dann gibt es die, die einfach nur in ihre Küche kommen, um sie kennenzulernen, um in ihr Leben und vor allem in ihre Kochtöpfe schnuppern zu können. Zusammen ergeben sie eine bunte Gruppe aus Leuten, die nicht nur türkisch kochen möchten, sondern auch das Istanbul kennenlernen wollen, das sich hinter geschlossenen Türen abspielt.

Selins Lieblingsmoment an einem solchen Tag ist, wenn die Weinblätter, die gefüllten Auberginen, die Köftebällchen und der Salat schließlich auf dem Tisch stehen, wenn sich alle Besucher an den Tisch gesellen und anstoßen. Anstoßen auf einen ganz besonderen Tag im beschäftigten Istanbul. Eine Stadt, die Muezzin-Rufe und Verkehrsgeräusche so gut vereint, dass man es fast Musik nennen könnte. Eine Stadt, die so besonders ist, wie  die Charaktere, die hier leben.
Wie Selin eben, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Besuchern ihren Alltag zu zeigen, sie zu entführen. Am Ende des Tages bekommen alle ein Rezeptbuch damit sie auch zu Hause türkisch kochen können und einen Jutebeutel mit Selins Logo drauf. „Turkish Flavours“ heißt es, was Selin hier auf die Beine gestellt hat – Türkische Aromen.

Ein Rotwein zum Abschied

Mit einem letzten großen Schluck vom schweren Rotwein lässt Selin den Tag ausklingen. Ihre Gruppe sitzt schon längst wieder auf den Plastikstühlen der Fähre nach Europa. Wahrscheinlich mit einem Glas warmen Apfeltee in der Hand und den Blick auf die Weite des Bosporus gerichtet. So, wie sie es selbst am nächsten Morgen auch wieder tun wird, wenn sie sich auf den Weg zum Basar macht, um wieder ein paar Menschen in ihr Leben blicken zu lassen – mit allen Aromen, die Istanbul und Selin zu bieten haben.

Tuerkisch-Kochen-Istanbul

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Die Teilnahme am Kochkurs wurde unterstützt von Turkish Flavours. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Die Welt ist ein schöner Ort und sie ist es Wert, für sie zu kämpfen.
    Ernest Hemingway

    Für euren weiteren Kampf alles Gute, viel Erfolg und Glück.

  2. Pingback: Street Art Istanbul: Entlang versteckter Pfade

  3. Toller Artikel, das macht wieder Mut,in die Türkei zu reisen. Land und Leute sind einfach traumhaft.

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