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Das einzige, das hier noch glitzert, ist das Meer. Der Lack ist ab am Venice Beach. Doch die Touristen kommen weiterhin – für das Sehen und Gesehen werden. Ein Besuch bei  Muskelprotzen und Drogenabhängigen.

Elvis schwankt. Doch er schafft es noch, dabei ein paar Liedchen zu trällern. Lallend zwar, aber als Singen zählt das gerade noch. Heute ist Showtime für Elvis. Um ihn herum steht schon eine ganze Traube an fotowütigen Touristen. Dazwischen tummeln sich ein paar seiner Freunde, die sich heute noch nicht in ihre Verkleidung geworfen haben. Der Himmel ist blau, die Sonne erwärmt den Asphalt des breiten Boardwalks und wenn man genau hinhört, kann man dem Brechen der fernen Wellen lauschen. Elvis schaut noch einmal in die Runde, dreht seine alte Marshall-Box auf volle Pulle und startet seine Show mit einer gekonnten Drehung von rechts nach links. Eine aufgebauschte Elvis-Tolle wippt dabei im Takt zum „Jailhouse Rock“. Die Sonne knallt auf die unechten Glitzersteine seines nicht mehr ganz so weißen, dafür aber viel zu engen, Anzugs und wirft lange Schatten auf den Boden. Textsicher ist Elvis nicht. Nur ab und zu schafft es sein Lallen immerhin im richtigen Moment einzusetzen. Wie soll es auch anders sein? Das ist California, Baby! Und Elvis’ Bühne der Bürgersteig von Venice.

Wer den US-amerikanischen “Sunshine State” Kalifornien besucht und in der Millionenstadt Los Angeles Halt macht, der pilgert ganz sicher auch zum berühmten Venice Beach. Der Name des Ortes kommt übrigens nicht von ungefähr. Er stammt von den vielen Kanälen, die einst unweit vom Strand angelegt wurden, um diesen Teil des Sonnenstaates mit Wasser zu versorgen und damit überhaupt bewohnbar zu machen. Heute interessiert diese vergleichsweise ruhige Gegend der Stadt kaum noch jemanden. Denn sie wollen an den Strand, dorthin wo es glitzert. Und wo es vor allem um eines geht: um Sehen und Gesehen werden.Venice-Beach-BasketballfeldVenice-Beach-SeitenstrasseHoch oben über der Straße thronen die riesigen Buchstaben. Venice Beach steht da in Versalien, verbunden durch eine rostige Metallkette, von Laterne zu Laterne gespannt. Die Kreuzung ist, wie fast immer, gut gefüllt. Hupende Taxifahrer verscheuchen die ungeliebten Touristen mit ihren Selfiesticks von der Straße, andere Autos schlängeln sich gekonnt um sie herum. In Venice scheint jeder zu machen, was er will. Die meisten Besucher beginnen ihren Tagesausflug nach Venice Beach genau hier: An der berühmten Kreuzung mit ihren knallig-bunten Straßenbemalungen und dem noch berühmteren Namensschild im Hintergrund. Dies ist der Eingang in eine andere Welt. Das perfekte Instagram-Foto für den Hashtag #Venicebeach. Und es ist der Beginn einer Reise, die durch Generationen von Freaks des Venice Beach führt.

Welcome to Venice!

Bekannt wurde Venice Beach einst durch Arni, dem charmanten Österreicher mit den dicken Armen. Als der Amerikaner Joe Gold am Venice Beach im Jahr 1965 sein erstes Fitnessstudio eröffnete, war der damals noch unbekannte Arnold Schwarzenegger eines der ersten Mitglieder. Mittlerweile ist Joe seinem Nachnamen gerecht geworden und Arni hat es zu mehr als nur Mr. Olympia geschafft. Doch auch Venice ist schon lange nicht mehr das, was es einmal war.
Knappe fünf Kilometer ist der Strandabschnitt, der sich direkt an die Pazifikküste schmiegt lang. Sein Herzstück jedoch, der berühmte Venice Boardwalk, ist nur ein paar Meter lang. Eine Strecke, die sich bei einem Spaziergang deutlich länger anfühlt.

Wer unter dem Venice-Schild hindurch in Richtung Meer spaziert, der steht quasi drauf, auf dem Boardwalk, und befindet sich damit mitten einem Mix aus Zirkus- und Freakshow.

An diesem Sonntagmorgen ist der Boardwalk besonders voll. Elvis’ Musik wird langsam von den dröhnenden Bässen des Muscle Beach abgelöst. Aufgepumpte Männer drehen hier ihre Runden. Sie stemmen Gewichte, ziehen ihre Körper an rostigen Stahlrohren hoch oder pumpen mit Eigengewicht – im Liegen oder Sitzen. Am Rand versammeln sich schon die ersten Zuschauer. Besucher, die den berühmten Muscle Beach irgendwo schon einmal gesehen haben. Schwarzenegger lässt grüßen. Beachtung schenken die fitness-verliebten Menschen ihnen jedoch kaum. Ganz im Gegenteil. Zwischendurch schafft es einer dieser typischen Angebersprüche über das improvisierte Gitter nach außen. Ein Glück nur, dass wohl nur die wenigsten Passanten Englisch verstehen.Venice-Beach-BordsteinVenice-Beach-StrassenschildVenice-Beach-TattoostudioFrittenfett liegt in der Luft. Der zarte Duft von Marihuana dazwischen. Und immer mal wieder weht eine Alkoholfahne an einem vorbei, die noch stark mit Samstagnacht zu kämpfen hat. Bunte Häuserfassaden zieren den Boardwalk abseits des Muscle Beach. Um Sport geht es hier schon lange nicht mehr. Überambitionierte junge Mexikaner und Amerikaner stehen in fett bedruckten T-Shirts vor den Hauseingängen. „Medical Marihuana here“ steht auf ihrer Brust. Seitdem der US-Staat Kalifornien Marihuana legalisiert hat, ist das Kraut im Großraum Los Angeles an jeder zweiten Straßenecke zu finden. So eben auch am Venice Beach – irgendwo zwischen pumpenden Muskelprotzen und Milchshake-schlürfenden Touristen.

Der amerikanische Albtraum

Das Publikum in Venice ist bunt gemischt. Es sind die, die mit dem iPhone bewaffnet nach den besten Instagram-Fotos suchen. Jene, die mit Fahrrädern von Venice Beach in das benachbarte Strandörtchen Santa Monica radeln und es sind solche, die am amerikanischen Traum längst gescheitert sind. Gegenüber der bunten Hausfassaden sitzen sie auf dem Boden, auf dem Rasen, hinter Straßenständen oder auf völlig abgerockten Hockern. Manche verkaufen Kunst, die aussieht, als sei sie selbst im Rausch entstanden. Viele scheinen verloren, vergessen und stehen geblieben – irgendwo zwischen ihrem ganz persönlichen amerikanischen Traum und der glitzernden Filmwelt von Los Angeles drehen sie hier ihren ganz eigenen Film.

Der eine in seinen riesigen pinken Umhängen, die andere völlig gedankenverloren am Joint ziehend. Daneben ein alter Herr mit langem Rauschebart, die Whisky-Flasche fest im Griff. Verkaufen? Das versuchen sie schon lange nicht mehr. Kaum einer der Touristen bleibt überhaupt stehen. Sei es der strenge Geruch oder seien es die Sprüche, die häufig über den Stand hinweg hallen, die die Touristen vom Shoppen abhalten. Weit dahinter schillert das Meer vor sich hin, doch dies spielt am Venice Beach fast eine traurige Nebenrolle.Venice-Beach-SkatebowlVenice-Beach-SkatergirlVenice-Beach-Skateboards Plötzlich hallen Jubelrufe herüber. Eine Traube steht versammelt zwischen der Promenade und dem Meer und schaut gebannt auf Jungs und Mädels unterschiedlichen Alters, die in der berühmten Skatebowl am Venice Beach die neuesten Tricks üben.

Skateboarder gehören zum Venice Beach genauso, wie die Bodybuilder weiter vorn am Muscle Beach und die Surfer weit hinten in den Wellen des stürmischen Pazifiks. Heute ist es vor allem ein kleines japanisches Mädchen, das allen die Show stiehlt. Ungezähmt lässt sie sich immer wieder in die Halfpipe rollen, nur um dann auf der anderes Seite gekonnt mit einem Flip, einer Drehung oder einem anderen Trick zu stoppen. Jugendliche Leichtigkeit macht’s möglich. Die Masse applaudiert, die Smartphones fest im Griff, wartend auf den perfekten Schnappschuss mit dem Mädel in der Luft, die Hand am Brett und dahinter die Palmen am Horizont. Dazwischen drehen die älteren Skateboarder ihre Runden. Vielen sieht man ihre langen Skaterjahre an. Jede Kurve, jeden Winkel scheinen sie zu kennen. Dabei sind ihnen die Touristen, die hier tagtäglich gaffend an der Reling stehen, total egal. Es gehört hier längst dazu, an diesem Ort, der für Venice Beach fast schon wieder normal scheint. Nur wenn man genauer hinsieht, erkennt man die glasigen Augen und den starren Blick des einen oder anderen älteren Skateboarders, der mit seinem Brettunter den ausgelatschten Vans minutenlang durch die Skatebowl tanzt, fixiert auf das, was auch immer die letzte Droge im Kopf bezwecken sollte.

Wieder herrscht Bewegung auf dem Boardwalk. Heute ist Drehtag – so wie fast jeder Tag an diesem berühmten Strand. Abseits der Verkaufsstände, weit weg vom Muscle Beach und der Skatebowl wird mal wieder gefilmt. Eingeölte, knapp bekleidete Frauen hüpfen gut einstudiert durch den Sand der Beachvolleyballfelder, während eine Gruppe von Statisten im richtigen Moment applaudiert. Ein echter Hollywood-Dreh. Doch das interessiert hier kaum jemanden. Denn es gehört zum Venice Beach eben genauso dazu, wie all jene, die von diesem Stückchen Amerika sicherlich nie etwas abbekommen werden.Venice-Beach-MuralLangsam senkt sich die Sonne. Die meisten Besucher sind schon längst in den zahlreichen Restaurants in den Seitenstraßen verschwunden. Jetzt sind es nur noch die Einheimischen, die ihre gewohnten Plätze eingenommen haben. Neben all jenen, die hier tagsüber ihr Glück mit Musik, Tanz und anderen Talenten versuchen, ist Venice Beach tatsächlich auch das Zentrum der Obdachlosigkeit in Los Angeles. Was früher einmal Downtown war, ist heute der belebte Strand. Aus allen Gassen und Straßen pilgern sie in den letzten Jahren hier her, voll bepackt mit zerrissenen Schlafsäcken und ausrangierten Zelten schlagen sie entlang der Strandmeile ihr Nachtlager auf. Jeder kennt jeden. Jeder weiß, wo jeder schläft. Und jeder hat Verständnis für das Schicksal des anderen.

Erst wenn das letzte Nachtlager aufgestellt ist, ruhen auch die Geräte am Muscle Beach. Dann ist auch der letzte Flip in der Skatebowl gedreht. Und dann packt auch Elvis langsam aber sicher den Koffer wieder ein und torkelt davon in den lauen Sommerabend am Venice Beach. Sein Zelt wartet schon.

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Die Reise wurde unterstützt vom Flughafen München und der Star Alliance. Mehr zu unseren Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit gibt es hier.

  1. Das ist ein wundervoller Artikel, denn sowohl die Bilder als auch die Worte lassen einen den Moment miterleben, die Tristesse, die einen aber trotzdem fasziniert. Ich liebe es, solche Orte zu besuchen, die früher einmal Glanzzeiten hatten, aber nun irgendwie verfallen. Sie machen einen melancholisch, aber auf eine Art und Weise, die gut tut. Zumindest geht es mir so.

  2. Eine sehr ausführliche Beschreibung.
    Nun habe ich das Gefühl, selbst mal da gewesen zu sein 🙂
    LG Lara

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