Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore Sehenswürdigkeiten

Dampfende Teetöpfe, knatternde Honda-Maschinen, Smog und der Ruf des Muezzins: Lahore ist nicht nur die schönste Stadt Pakistans, sondern auch jene, in der die Wände der Altstadt so verwirrend wirken, dass man sich einfach verlaufen muss. Ein Versuch.

Am Delhi Gate geht das Chaos los. Während am Morgen das warme Licht durch die Löcher der uralten Haveli Häuser bricht, spazieren die ersten Einheimischen zu ihrem Lieblingsstand. Hier gibt es heißen Tee mit Milch, Lassi aus eigekühlten Tongefäßen und brutzelnde Fleischeintöpfe. Es ist einer dieser typischen Morgende in der Walled City Lahore, in Pakistans Millionenstadt.

Ein Morgen, in dem das Licht so perfekt ist, dass die Szenerie um uns herum auch gut aus einem Film oder Buch sein könnte. In der einen Ecke sitzen Männer mit ihren dicken Filzmützen vor ihrem Teller voll Fleisch, in den sie nach und Brotecken dippen. In der anderen Ecke baut ein Orangenverkäufer gerade seinen Stand auf. Und mittendrin schiebt ein älterer Herr seinen Holzkarren durch die engen Gassen der Altstadt von Pakistans Millionenstadt Lahore. All das wird gehüllt in diesen Lichtkokon, der alles ganz zauberhaft wirken lässt.

Guten Morgen, Walled City Lahore!

Es ist unser erster Morgen in Lahore und auch unser erster Besuch der Walled City Lahore, wie man die Altstadt hier nennt. Wir geben dem Ganzen Zeit und genießen erst einmal das, was uns hier nach nur wenigen Minuten vor die Nase läuft. Es sind eine Menge Eindrücke, Gerüche und Gefühle, die man erst einmal morgens um 10 ohne den ersten Kaffee verdauen muss. Verschlafen wirkt die Altstadt von Lahore, kaum wach, so wie wir.Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore Sehenswürdigkeiten

Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore SehenswürdigkeitenWir spazieren durch das Delhi Gate. Würden wir hier etliche Stunden geradeaus gehen, würden wir womöglich in Delhi in Indien landen. Doch für heute steht uns erst einmal ein Tag in der Walled City bevor und der, das wissen wir jetzt schon, hat es ganz sicher in sich. Kurz hinter dem Tor sehen wir in einem Hinterhof die knallgrüne Flagge Pakistans wehen. Die sieht man hier häufig. Mal sind sie auf den Dächern der Häuser drapiert, mal an Toren und mal in den Vorgärten der Vorstadtvillen. Hier aber steht sie einfach nur im Hinterhof. Direkt daneben findet gerade ein Fotoshooting statt. Eine hübsch geschminkte Pakistanerin trägt feine Seide und ein edles Kopftuch, das sie leger über ihre in der Sonne glänzenden Haare gelegt hat. Vor ihr verdreht sich der Fotograf, für den perfekten Winkel, für das perfekte Foto. Und direkt dazwischen wird mal wieder ein sperriger Holzwagen durch den engen Hinterhof geschoben. Diesmal gezogen von einem Esel, der nicht mehr so wirklich will und trotzdem den Karren mit den Bananen vor dem großen Marktgedrängel zum Stand des Besitzers bringen muss.

Zwischen Aufbruch und Kurkuma

Pakistan. Ein Land im Aufbruch. Ein Land im Stillstand. Ein Land, das durch das strahlende Lächeln seiner Bewohner so warm und herzlich wirkt, wie kaum ein anderes. Dabei ist es wie ein kleines Kind, das man an die Hand nehmen möchte, um ihm den Weg zu erleichtern und ihn zu schützen. Aber erst einmal zeigt Pakistan uns den Weg. Nämlich im Slalom durch die engen Gassen von Lahores Altstadt. Immer wieder werden wir gestoppt von den Verkäufern, die riesige Pakete auf ihren Köpfen und Schultern tragen. Das alles ist Ware, mit denen sie nach und nach ihre improvisierten Läden und Stände bestücken. Dazwischen hupen uns die qualmenden Honda-Motorräder an, Esel versperren uns den Weg und knallbunte Säcke voll Gewürzen lassen unsere Nasen kribbeln. Puh. Es ist gerade einmal zehn Uhr am Morgen und unsere Lungen sind schon prall gefüllt vom Smog und Staub, der sich hier, wie eine Glocke über die ganze Stadt legt, so wie man es aus Städten wie Teheran kennt.

Wir stehen mitten im größten Gewürzbasar von Lahore. Um uns herum sind knallgelbes Kurkuma, feuerrotes Chili und frisch gerösteter Mais, die zu prächtigen Pyramiden aufgetürmt wurden. Aus den kleinen Marktständen luken neugierige Blicke der Marktverkäufer heraus. Es sind immer Männer. Immer. Sie tragen ihren Salwar Kamiz, dem Zweiteiler aus Hose und Tunika, eine Filzmütze, ein Tuch um den Kopf oder ihre Gebetskappe und fragen sich mit großer Sicherheit, was wir hier gerade tun. Skeptisch wirken sie zunächst. Vielleicht auch ein bisschen grantig und grimmig. Doch bei unserem ersten, wenn auch schüchternen, Lächeln in ihre Richtung, entspannen sich ihre faltigen Gesichter und ein Strahlen macht sich breit. Eines, das von rechts nach links, von Ohr zu Ohr geht und so viel Wärme versprüht, das wir gefühlt die 30-Grad-Marke knacken.Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore Sehenswürdigkeiten

Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore SehenswürdigkeitenVon der Gewürzgasse aus laufen wir weiter durch die immer enger werdenden Gassen. Alle Augen auf uns. Unsere Augen auf alle. Auf der Suche nach Motiven, nach ausdrucksvollen Gesichtern und verrückten Ständen. Keine Seltenheit hier und so werden wir von der völligen Reizüberflutung erwischt, die wir jetzt nur mit einer eiskalten Cola begießen gönnen. Wow. Einen Moment Pause. Einen Moment an die Seite setzen und einfach nur beobachten.

Beobachten, wie ein Mann im Schlafanzug und mit einem Huhn im Schritt auf seiner Honda an uns vorbeiknattert. Beobachten, wie sich die Kinder am Stand gegenüber ihre Bonbonration für den Tag kaufen. Und beobachten, wie schon jetzt, früh am Morgen, über die Preise der Gewürze, Backwaren und Kilogramm an Fleisch verhandelt wird.

Mittags auf der Fleischkreuzung

Wir folgen dem Strom durch die Gassen. Gestoppt immer wieder – von anderen Menschen, von Marktverkäufern und von Verkehr, der viel zu dicht, viel zu arg für diese kleinen Gassen ist. Nach ein paar Metern sind wir mittendrin im nächsten Hotspot. Mitten auf der Fleischkreuzung. Um uns herum Stände über Stände mit Fleisch. Während an der einen Ecke Lammfüße am Haken in der Sonne funkeln, wird an der anderen Ecke Rind geklopft und Hühnchen halbiert. Die Stände sind immer gleich konzipiert. Sie sind immer etwas erhöht und immer so gebaut, dass der Besitzer des Standes mittendrin sitzen kann. Mal hinter dem Fleisch, das er an Haken befestigt hat, mal mitten drin, direkt vor der Waage, um schnell zu agieren, wenn potentielle Käufer kommen. Viel bieten die Stände nicht an. Es wirkt eher wie eine Auswahl an jenen Dingen, die für heute eben vorhanden sind. Und bis ein Käufer kommt sitzen die Verkäufer in ihren gefliesten Ständen und starren auf die Kreuzung, an der schon jetzt, 12 Uhr mittags absolutes Verkehrschaos herrscht.

Ich bin froh, dass ich keine Vegetarierin mehr bin. Denn bei dem Anblick der Fleischklopse, die hier in der Sonne schon einmal vorgegart werden, könnte es ganz sicher dem ein oder anderen Vegetarier den Bauch umdrehen. Wir lassen die Herrscher des Fleisches hinter uns und verschwinden in eine andere Gasse. Festlich wirkt es hier und knallbunt. Über uns wackeln kleine Fähnchen im Wind, die Häuserwände sind alle in Lichterketten gehüllt und Plakate verdecken die wunderschönen Haustüren der alten Häuser. Lahore feiert Geburtstag. Und zwar von keinem anderen als dem Propheten Mohammed. Der wird in dem Land, in dem 98% der Einheimischen Muslime sind, gefeiert, wie kein anderer. Und so verwandelt sich nach und nach die Altstadt von Lahore in ein Meer aus Wimpeln und Lichtern. Zumindest immer da, wo zwischen dem Angebot der Stände noch ein bisschen was von Straße und Wand vorhanden ist.Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore Sehenswürdigkeiten

Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore SehenswürdigkeitenWir brauchen eine Stärkung. Chaat nennen das die Pakistanis. Dabei handelt es sich um einen Snack – und zwar um irgendeinen Snack. Chaat ist alles, was es am Straßenrand zu essen gibt. Mal kleine Portionen, mal große Portionen, aber immer etwas, das man eigentlich recht schnell im Stehen essen kann. Der alte Herr mit dem langen grauen Bart reicht mir eine glänzende Silberschale über seinen Stand und grinst dabei breit. Seit 1906 macht seine Familie hier, genau an dieser Ecke in Lahores Walled City, das, was er heute noch macht: Kichererbsen Patties mit Aprikosenchutney, Joghurt und Radieschen. Ladu nennen das die Einheimischen. Ich nenne es lecker und ziehe mit meiner Schale Ladu inmitten von Lahores Altstadt alle Blicke auf mich.

Im Rotlichtviertel von Lahore

Gestärkt verschwinden wir in die nächste Gasse. Hier wirkt alles irgendwie anders. Plötzlich sind es kaum Männer, die hier auf der Straße sind, die Motorräder sind auch nicht da und Stände sehen wir auch keine. Wir sind in einem Teil der Walled City, der sich Heera Mandi nennt oder Diamond Market. Ein Ort, der im frühen 16. Jahrhundert ein Vergnügungsviertel war. Hier haben Frauen in knalligen Outfits getanzt, hier wurde Musik gemacht und Kunst honoriert. Heute ist dieses Viertel zu einem Rotlichtviertel mutiert. Ein Ort, der so untypisch für ein muslimisches Land ist, dass wir noch nicht einmal daran gedacht haben, dass es so etwas hier wirklich gibt. Vor den Haustüren wehen knallige Vorhänge und ab und an seh ich Frauen in den Wohnungen sitzen. Ein Anblick, den wir in Pakistan bisher noch nie hatten. Hier sind normalerweise alle Fenster verspiegelt und selbst in den Hotels und Gasthäusern dürfen die Fenster und Vorhänge nicht geöffnet werden. Privatsphäre wird hier groß geschrieben und das gerade in Bezug auf Frauen. Doch hier, im Diamond Market ist das alles anders. Frauen stehen auf den Balkonen und beobachten uns, es läuft Musik und Kinder singen wir uns. „Start the recording“, ruft uns ein kleiner Junge mit dickem Bauch zu. Wir starten unsere Kamera, nur eine Sekunde bevor der kleine Mann mit einer Prachtstimme durch die Gassen singt. Musik und Prostitution haben hier, in diesem kleinen Viertel irgendwie zusammen gefunden. Vielleicht tarnt das eine auch das andere. Wir wissen es nicht und werden es bestimmt auch nicht herausfinden, denn einige Dinge bleiben in einem Land wie Pakistan einfach unerzählt.Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore Sehenswürdigkeiten

Walled City Lahore: Spaziergang durch die Lahore SehenswürdigkeitenNur eine Gasse weiter gibt es das Kontrastprogramm. Und während ich mir in meinem Kopf noch eine kleine Verbindung zwischen den beiden Gassen schaffe, wird vor mir in Hochtouren ein Bett geflochten – und zwar per Hand und so schnell, dass ich kaum hinterherkomme. Solche Betten werden hier zwar selten in den Hotels genutzt, landen aber in fast jedem Haushalt. Es gehört zum guten Ton, dass der Vater seiner Tochter zur Hochzeit ein solches Bett schenkt.

Wenn der Muezzin ruft

Der Tag in der Walled City Lahore vergeht so schnell, dass uns nur der Ruf des Muezzins daran erinnert, dass es ja schon nachmittags ist. Wir spazieren zurück zum Delhi Gate. Mittlerweile sind die kleinen Gassen der Altstadt so voll, dass wir selbst als Fußgänger im Stau stehen. Nichts geht mehr. Holzkarren hinter Holzkarren, dazwischen Autos und LKWs, Kutschen und Motorräder. Wahnsinn, was hier los ist.

Langsam leuchten die Lichterketten an den Hauswänden, dazu flackert das Feuer unter den Töpfen, die heute morgen schon vor sich hingedampft haben und mehr und mehr Menschen sind auf der Straße. Ein Teil von ihnen geht in Richtung Wazhir Khan Mosque. Eine Moschee, die sich mitten in der Altstadt befindet und von Weitem wirkt, als wäre sie ein Club. Das, ganz sicher, erzählen wir so aber niemandem. Auch die Moschee ist geschmückt für den Geburtstag des Propheten. Wir ziehen am Eingang unsere Schuhe aus, laufen in die Moschee und steigen zum ersten Mal in unserem Leben in ein echtes Minarett. Wir sind schon lange begeistert von der Architektur von Moscheen. Häufig thronen sie über ganze Städte und verteilen durch die Lautsprecher der Minarette ihre Rufe.

Und genau hier, neben den Lautsprechern, stehen wir jetzt. Unter uns die Bewegung der Altstadt von Lahore, Menschen, die zum Gebet in die Moschee laufen und etliche Fahrzeuge, die sich wie eine dicke durch die engen Gassen der Walled City drücken. Von hier oben wirkt die Altstadt klein und überschaubar. Die Gassen wirken gleich, einen Unterschied sieht man kaum. Wir lassen den Tag Revue passieren und genießen das, was man hier mitten in der Altstadt selten hat: unsere Ruhe.

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  1. Sehr schöner Artikel. Pakistan steht schon seit meiner ersten Asienreise auf der Liste. Ich war damals mit einem Pakistani auf meinem Hosteldorm durch Singapur gezogen. Auf meine Sicherheitsbedenken wegen Terrorismus meinte er: In seiner Familie seien alles Terroristen und das seien alles ganz tolle Leute, die ich kennenlernen müsste. Bis heute weiss ich nicht, ob er einen Witz machte oder es ernst meinte. Aber seit das Land nun wieder etwas sicherer geworden ist, rückte es auf meiner Wish-List wieder ein paar Ränge nach oben.

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