Altstadt von Trinidad
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Kuba
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Wir schreiben das Jahr 2001, als ich das erste Mal meinen Fuß auf kubanisches Staatsgebiet setze. Mit ihm fing sie an, meine zweiwöchige Kuba-Reise. Es war die Zeit nach der Jahrhundertwende, die Post-9/11-Ära, jenem Terroranschlag, der die Menschheit brutal wachrüttelte. Einen, den alle Welt live im Fernsehen und im Internet verfolgte.

Alle Welt? Nein, Kuba sicher nicht. Die Einwohner des Landes, das sich einer überdimensionalen fingerhutförmigen Markierung in Key West zufolge nur 90 Meilen vom US-amerikanischen Staatsgebiet befindet, bekamen davon reichlich wenig mit. Oder zumindest nur soviel, wie das kubanische Staatsfernsehen sie wissen lassen wollte. Internet in Kuba war eine Vision, die weit, weit weg erschien.

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Auch im Kuba heute sieht man alte Oldtimer.

Kuba 2001: Karibikurlaub mit Regeln

Für mich war es damals ein Kubaurlaub, wie man ihn sich gemeinhin noch heute vorstellt: Erst eine Rundreise von Nordwest nach Südost, dann eine Woche Badeurlaub an den türkisfarbenen Paradiesstränden der Karibikküste. Eine Runde Sache. Und ein Erlebnis, das damals ein kleines Vermögen kostete. Kuba war kein Reiseziel für Jedermann. Schon gar nicht für US-Amerikaner, denen das anhaltende Embargo die Einreise unmöglich machte. Trotzdem waren die Hotels entlang der Küste gut gefüllt. Sie waren voll mit denen, die nach Kuba durften und dieses Privileg auch ausnutzen, um zehn Uhr morgens den ersten Daiquiri an der Hotelbar zu schlürfen. Oder einen Mojito. Oder andersrum. Völlig egal, Rum kostet in Kuba weniger als Wasser. Zumindest daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ich verbrachte eine tolle Zeit in Kuba, zuerst auf einer Rundreise von Havanna über das Valle de Viñales, weiter nach Trinidad und bis runter nach Santiago de Cuba. Eine Zeit, die ich am liebsten damit verbracht, aus dem Fenster von muffigen Überlandbussen zu schauen und das Land in mich aufzusaugen – seinen Charme, seine Zuckerplantagen und seine Tabakfelder.

Es war eine Zeit, in der das einzig US-amerikanische in diesem Land die Musik war, die im anschließenden Badeurlaub in Varadero mein Hotelzimmer flutete. Der Sender hieß MTV Latin America und der plärrte einen tanzbaren Latinofetzen nach dem anderen aus den scheppernden Fernseherboxen.

Es war auch eine Zeit, in der ich den Einheimischen, die uns über das unebene Kopfsteinpflaster in Trinidad führten, genau zuhörte, um möglich viel über Kuba und seine Vergangenheit zu erfahren. Eine Zeit, in der die engen Gassen und Plätze der Kolonialstädte wie in der Altstadt auch abends noch gefüllt waren von Gelächter. Eine Zeit, in der die Menschen allabendlich bis spät in die Nacht auf den Treppen vor den Kirchen saßen und sich losgelöst unterhielten – über Kuba und das Leben – und dabei schlürften sie Mojitos, einer nach dem anderen. Es war eine Zeit, in der mitten auf dem Plaza Mayor getanzt wurde, Son, Rumda und Salsa, losgelöst und jeder mit jedem. Eine Zeit, in welcher der Plaza Mayor der Inbegriff war für das Leben und das Miteinander von Kubanern und Reisenden.

Kuba heute: Wie viel ist vom Charme noch übrig?

Doch das Kuba heute ist ein anderes geworden. Es ist ein Land, das sich geöffnet hat. Der Sozialismus ist aufgeweicht, zumindest zum Teil. Castro ist tot, Che Guevara nicht mehr als ein immer wiederkehrendes Spraydosen-Konterfei an Häuserwänden. Ex-Präsident Barack Obama hat die Fesseln gelöst. Ob es nun die der US-Amerikaner waren, die ihre Cohibas und Montecristos endlich mal persönlich kaufen wollen oder doch die der Kubaner selbst?

Heute ist Kuba kein reines Pauschalreiseland mehr. Aber wer will, kann das Rundreise-Paket noch immer buchen. Vielmehr aber kommen Individualtouristen hinzu, vor allem junge Reisende, die das Land auf eigene Faust erkunden. Oder zumindest auf die Faust derer, die es in den Reiseblogs dieser Welt zu Pixeln gebracht haben. Auch heute ist die Standardroute noch denkbar einfach: Mit Start in Havanna geht es zuerst rüber nach Viñales oder nach Pinar del Rio, bevor man sich auf den Weg nach Südosten macht, nach Cienfuegos und ins Bilderbuch von Trinidad. Wer es dann noch zeitlich schafft, der macht noch einen Abstecher nach Santa Clara oder Sancti Spiritus. Rund zwei Wochen sollte man schon Zeit haben, wenn es nach den Reisebloggern geht, drei sind aber besser und echte, wahre Entdecker, die sollten schon vier Wochen Zeit mitbringen.Am Hauptplatz von Trinidad ist heute alles anders.

Geebnet wurde dieser Weg vom Pauschal- zum Individualtourismus vor allem von einem: dem Internet in Kuba. Nie war es einfacher, sich Informationen über ein Reiseland aus dem Netz zu holen. Die gibt es reichlich und sogar kostenlos. Die Route wird einem im World Wide Web mittlerweile Reisetag für Reisetag vorgekaut. Aber wie soll man sich innerhalb von Trinidad oder in der Altstadt von Havanna zurechtfinden? Natürlich mit Google Maps. Wie soll man ein gutes und günstiges Restaurant finden, wenn die Empfehlung vom Lieblingsreiseblog keinen Platz mehr hat? Zum Beispiel mit Foursquare. Wie findet man ein gutes und günstiges Hotel? Mit einer der zahlreichen Buchungsplattformen. Und wie hält man die Daheimgebliebenen über die persönlichen Abenteuer auf dem Laufenden? Mit Facebook, Instagram und Co.

Getanzt wird hier schon lange nicht mehr.

Trinidad am späten Nachmittag im Jahr 2019. Ab 17 Uhr sieht man hier kaum noch Menschen mit Fähnchen in der Hand voraus laufen. Die Gruppen an Tagestouristen aus den Tourbussen sind wieder abgezogen. Auch die Horden an Passagieren der Kreuzfahrtschiffe, die vor der Küste ankern, sind längst zurück in ihrer Kajüte.Heute und damals: Revolutionssprüche gibt es überall.

Doch auch zu später Stunde, wenn es dunkel ist in Trinidads Altstadt, sitzt hier die junge Garde der Kubareisenden. Junge Menschen zwischen 20 und Ende Dreißig tummeln sich auf den Bordsteinen rund um den Platz. Von Einheimischen ist außer den Barkeepern der anliegenden Bars keine Spur. Doch noch etwas ist anders als früher. Irgendwie fehlt der Szenerie das sonst so lebendige Grundrauschen. Niemand unterhält sich. Kaum jemand tauscht auch nur ein Wort. Stattdessen sitzen die meisten stumm nebeneinander auf dem Bordstein, das Gesicht starr auf den Schoß gerichtet. Emotionslose Gesichter leuchten bläulich in der Dunkelheit. Aus einem der Cafés ist seichte kubanische Musik zu hören. „Bing!“ Ein Ton durchbricht plötzlich die gesprächslose Stille. Erboste Blicke huschen über den Bordstein, einmal von links nach rechts und zurück. Blicke die fragen, wer nur so dumm sein kann, den Ton seines Smartphones anzuhaben. Aber schon kurz darauf sind alle wieder in selbiges vertieft.

Das Kuba von 2019 ist anders als das Kuba von 2001, 2010 oder 2015. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Der Zahn der Zeit knabbert selbst an den abgeschottetsten Orten. Der Rest aber ist Einstellungssache. Wie man Kuba erleben will, muss jeder für sich entscheiden.

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